Die historisch gewachsene Verbindung zwischen Shindo Yoshin Ryu und Wado Ryu

WadoTSYRSem02.2019.04_klein.jpgEin Wado und TSYR Lehrgang mit Koichi Shimura (Japan) und Toby Threadgill (USA) am 16. und 17. Februar in Berlin

 

Wie in den vergangenen Jahren leiteten zwei Senseis mit Weltklasseniveau unseren Wado und TSYR Lehrgang am 16., 17. Februar 2019 in Berlin: Toby Threadgill, Kaisho und Menkyo Kaiden Takamura Ha Shindo Yoshin Ryu, ist der erste Nichtjapaner, der eine Koryu Schule führt. Koichi Shimura, 7. Dan JKF Wado-Kai und JKF Wado-Kai 1st Instructor, leitet als Generalsekretär das JKF Wado-Kai Headquarter in Tokio. Die Teilnahme hochrangiger Repräsentanten des JKF Wado-Kai aus ganz Europa sowie die insgesamt 185 Wado Karateka und TSYR Praktizierenden aus Belgien, Dänemark, Deutschland, England, Finnland, Frankreich, Irland, Italien, Japan, Niederlande, Österreich, Portugal, Schweden, Schweiz, Spanien und Ungarn verdeutlichen die große internationale Bedeutung des Lehrgangs.

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Die historisch gewachsene Verbindung zwischen Shindo Yoshin Ryu und Wado Ryu

Takamura Ha Shindo Yoshin Ryu (TSYR) ist eine Koryu-Schule und gehört zu den traditionellen japanischen Kampfkünsten, die vor dem Beginn der Meiji Restauration 1868 entstanden. Karate gehört zum Gendai Budo, zu den Kampfkünsten, die nach 1868 in Japan entwickelt wurden. Das von Hironori Otsuka (1892 – 1982) 1934 gegründete Wado Ryu ist also dem Gendai Budo zuzurechnen.[1] Im Unterschied zum Okinawa-Karate, das auf Selbstverteidigung basiert, beruht Wado Ryu auf Sente, auf Angriff und Initiative. Hironori Otsuka transferierte sein Wissen aus dem Shindo Yoshin Ryu (SYR) in das Wado Ryu.[2] Toby Threadgill veranschaulichte dies bildhaft: Otsuka nahm das Okinawa Karate, entfernte dessen Kernprinzipien und setzte die Kernprinzipien des SYR ein und übertrug damit dieses Wissen in das Wado Ryu. Koichi Shimura repräsentiert als Generalsekretär auf höchster Ebene JKF Wado-Kai und steht somit in direkter Beziehung zu dem Erbe Otsukas.

Das Fortleben des historischen japanischen Schwertkampfes im Shindo Yoshin Ryu und Wado Ryu

Die Kampfkunst der Samurai und damit vor allem der Schwertkampf wurden in der japanischen Edo-Zeit (Friedenszeit von 1603 bis 1868) von den Samurai weiterentwickelt, verfeinert und trainiert. Toby Threadgill erläuterte, dass Shindo Yoshin Ryu (SYR) diese Kampfkünste und damit auch die ihnen innewohnenden Prinzipien bewahrt. Otsuka transferierte Prinzipien wie Sente (Angriff und Initiative),  Irimi und Tai Sabaki, die ihren Ursprung im Schwertkampf haben, aus dem SYR in das Wado Ryu.

Sente steht im Kampf in Wechselwirkung mit Maai[3],[4]: Während Maai sich auf das Verhalten der Gegner in Abhängigkeit von Zeit und Raum bezieht, beschreibt Sente die Art und Weise, mit der die Gegner im Kampf agieren.

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In sehr gut aufeinander abgestimmten Übungen vermittelten Toby Threadgill und Koichi Shimura den Teilnehmern das Konzept von Maai: Sie verdeutlichten, dass dieses Konzept die räumlich-zeitliche Distanz und die Gesamtheit der Absichten und Bewegungen der Gegner im Kampf beschreibt. Die Teilnehmer übten die Überwindung verschiedener Distanzen und verbesserten ihr Gefühl für den korrekten Abstand, aus dem es möglich ist, aggressiv „in den Gegner hineinzugehen“ (Irimi), ihn unter Druck zu setzen, seine Aktionen zu stören, ihn unmittelbar zu kontrollieren und ihn letztlich zu besiegen.[5] Sowohl Toby Threadgill als auch Koichi Shimura legten in diesem Zusammenhang Wert auf das korrekte Tai Sabaki.

Durch den Unterricht von Toby Threadgill und Koichi Shimura wurde den Teilnehmern bewusst, dass bezüglich Sente  sowohl im SYR als auch Wado vor allem Sen no Sen (simultanes Timing) und Sen Sen no Sen (präventives Timing) realisiert werden. Beide Senseis erläuterten in ihren jeweiligen Trainingsgruppen[6] die mentalen und physischen Aspekte des Sente u. a. am Beispiel der Finte: Der Gegner wird gelockt (mentales Sente), indem ihm ein vermeintliches Ziel angeboten wird (physisches Sente),  die Reaktion auf diese Finte wird dann zum Konter genutzt. Toby Threadgill demonstrierte die Wirksamkeit der Finte im Schwertkampf, übertrug dies auf Jujutsu-Übungen, die die Teilnehmer dann trainierten. Koichi Shimura unterrichtete diese Art der Finte am Beispiel von Kihon Kumite 10: Während der Verteidiger nach dem ersten Jodan Zuki des Angreifers nach hinten ausweicht (physisch defensiv), lädt er den Angreifer zum zweiten Jodan Zuki ein und nutzt diesen Schlag zu seinem eigenen Vorteil, indem er kontert (psychisch aggressiv). Somit wurde den Teilnehmern vermittelt, dass mentales und physisches Sente nicht nur zusammengehören, sondern dass vor allem die korrekte mentale Einstellung (Mindset) Voraussetzung für den Erfolg, den Sieg, ist.

Viel Anerkennung hatten die Teilnehmer wie in den vergangenen Jahren für das methodisch-didaktische Vorgehen von Koichi Shimura und Toby Threadgill, für den strukturierten Trainingsablauf, der an die jeweilige Teilnehmergruppe angepasst wurde. Sehr positiv waren die freundliche und konzentrierte Atmosphäre während des gesamten Lehrgangs und das entspannte Zusammensein mit vertiefenden Gesprächen an den Abenden bei den gemeinsamen Essen.  

Wado und TSYR – Miteinander und Freundschaften

Toby Threadgill als Kaicho und Menkyo Kaiden des TSYR und Koichi Shimura als einer der höchsten Repräsentanten des JKF Wado-Kai garantieren ein ausgezeichnetes inhaltliches Niveau und eine Kooperation auf hoher offizieller Ebene. Dieser Austausch und das freundschaftliche und offene Miteinander aller Teilnehmer bekräftigt die Verbindung zwischen Wado und TSYR: Alte Freundschaften wurden gestärkt und neue geschlossen. 

Wiedersehen 2019 in Berlin

Wir freuen uns auf ein Wiedersehen beim Wado und TSYR Lehrgang mit Toby Threadgill und Koichi Shimura am 15. und 16. Februar 2020 in Berlin.

Christina Gutz

Hier der Text noch als PDF in Englisch und Deutsch



[1] Hironori Otsuka gründete 1934 die Vorläuferorganisation des Wado-Kai Verbandes, den „Dai Nippon Karate Shinko  Club“. Dies wird als ursprüngliche Gründung des Wado Ryu gesehen. In den 1950er Jahren konstituierte Hironori Otsuka die „Zen Nippon Karatedo Renmei“. Am 5. Juni 1967 wurde der Name Zen Nippon Karatedo Renmei zu Wado-Kai geändert. Mitder Gründung der Federation of All Japan Karetedo Organization (FAJKO, später umbenannt zu JKF) Mitte der 1960er Jahre wurde die Bezeichnung Wado-Kai offiziell gebräuchlich.

Vgl.: http://www.canadajkfwadokai.org/organisation/jkf-wadokai/  und https://www.jkfwadokaisohonbu.de/

[2] Hironori Otsuka trainierte zwischen 1907 bis 1921 in zwei Perioden im Dojo von Tatsusaburo Nakayama (1870 – 1945) Shindo Yoshin Ryu. (Quelle: Tobin E Threadgill) Erst 1922 traf er Gichin Funakoshi, später Kenwa Mabuni sowie Motubu Choki und trainierte mit ihnen.

[3] “Ma-ai Space-time, physical as well as psychological, that separates the two individuals.” Ellis Amdur: Old School. Essays on Japanese Martial Traditions, Wheaton 2013, S. 375

[4]Ma 間 - (Zwischen)raum, Zeit(raum). Im budō die Raumdistanz, die zusammen mit dem Timing (ai) die angepasste Bewegung (sabaki) ermöglicht. Das kanji für ma  bezeichnet die ‚Sonne, die durch zwei Tore scheint‘. In der Praxis des budō versteht sich ma als Distanz und gliedert sich in tōma (lange Distanz), chūkanma auch chūkan (normale oder mittlere Distanz) und chikama (nahe Distanz). …“ http://www.budopedia.de/wiki/Maai

[5] “Put pressure to force him to do anything, then you take the initiative. Bring him in a position where he can’t counter … You have to be able to take the initiative and own it “, Toby Threadgill, Wado und TSYR Lehrgang am 06., 07.02.2016 in Berlin

[6] Trainiert wurde immer in zwei Gruppen: In einer Gruppe unterrichtete Toby Threadgill TSYR, in der zweiten Gruppe unterrichtete Koichi Shimura Wado Ryu. Nach jeder Trainingseinheit wechselten die Teilnehmer von Koichi Shimura zu Toby Threadgill und umgekehrt.