Training des DKV-Parakaratekaders in Berlin

Para_Karate_klein.jpgAm 11. Januar reisten Mitglieder des Deutschen Parakaratekaders zum zweiten Mal zum gemeinsamen Training in Berlin an. Der Samstag stand zunächst im Zeichen der Fitness, ein Gebiet, auf das Heiko Kuppi außerordentlich viel Wert legt. Am Nachmittag wurden die Wettkampfkata der Teilnehmer in mehreren Durchgängen vorgeführt und von Heiko kommentiert.

Die Kaderathleten hatten wieder ein anspruchsvolles Programm zu absolvieren.Im Anschluss des Trainings hatte ich Gelegenheit mit Sven Baum zu sprechen. Er ist Deutschlands erfolgreichster Karate-Sportler im Rollstuhl. Als uns am Abend unserer Neujahrsfeier das Team des Parakarate in der Sportschule des LSB besuchte, kam es für mich zu einem irritierenden Vorgang.

Da das Gebäude über keinerlei Hilfseinrichtungen für Rollstuhlfahrer verfügt, musste Sven die Treppen praktisch auf allen Vieren überwinden.Ich traute mich am nächsten Tag kaum, ihn zu fragen, wie es ihm dabei geht. Doch er reagierte extrem cool, indem er meinte, dass ihm lediglich das Ziel wichtig sei und wenn er dieses im Kriechgang erreichen müsse. Von   Emotionen lässt er in bei solchen Hindernisläufen nicht leiten, da es für ihn keinen Sinn ergibt, in Daueraufregung zu leben. Er bevorzugt es, selbst alle Register zu ziehen und dann zu schauen, wie weit er damit kommt.

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So stellen sich für Sven täglich neue Herausforderungen, die er beherzt annimmt und er ist in gewisser Weise dankbar dafür, dass es in seinem Leben wenig Raum für gemütliches Dahintrödeln gibt. Sein Leben im Rollstuhl sieht er als einen Perspektivwechsel, der ihm eine andere Sicht auf die Welt erlaubt und ständige Kreativität abfordert. Sauerstoffmangel bei Svens Geburt im Jahr 1980 führte zu Zelebralparese - einer spastischen Lähmung in den Beinen. Er kam bereits mit vier Jahren in das Internat einer Schule für Körperbehinderte, an die auch ein Kindergarten angeschlossen war. Das bezeichnet Sven als das Beste, was ihm in dieser Situation passieren konnte. So konnte er offenbar die optimale Förderung erhalten. Vor allem wurde er nicht von überbesorgten Eltern verwöhnt, sondern musste schnell Selbstständigkeit entwickeln.

Schon mit 7 Jahren zeigte sich sportliches Interesse bei Sven und das hat sich im Laufe der Jahre vertieft. Daran änderte sich auch nach zwei misslungenen Operationen nichts, die verursachten, dass er nicht mehr laufen konnte und seit 1993 auf den Rollstuhl angewiesen war.  Zweimal wöchentlich geht er zum Karatetraining und zweimal wöchentlich macht er Fitnesstraining. Häufig kommen noch Ausdauertraining, Handbikefahren oder Schwimmen hinzu. Das funktioniert offenbar neben der Arbeit bei der Zollverwaltung. Ganz nebenbei engagiert sich der verheiratete Sportler noch im Behindertensport. Im Deutschen Karate Verband ist er Ansprechpartner für den Deutschen Behindertensportverband. Er wirkt außerdem in der Athletenkommission des WKF für das Parakarate mit.

Sven sieht seinen beruflichen und sportlichen Werdegang als völlig normal an und macht seiner Ansicht nach nichts anderes als nichtbehinderte Menschen. Aus diesem Grund kann er nicht nachvollziehen, dass Menschen mit einer Behinderung für ihr Tun auf einen Sockel gestellt werden. Für ihn führt das eher dazu, dass Behinderte in eine Opferrolle hineinmanövriert werden, die eben auch dazu verführen kann, diese anzunehmen. Er setzt sich für ein identisches Sportreglement für Menschen mit Behinderung ein. Er wünscht sich Ausgleichsmaßnahmen nur an den Stellen, die unmittelbar mit dem jeweiligen Handicap zu tun haben. Gleichzeitig fordert er ernsthaftes Engagement seitens der Funktionäre ein und mehr wirkungsvolle Öffentlichkeitsarbeit. An die Trainer appelliert er, mehr Mut zu zeigen, auch Menschen mit Behinderung zu trainieren und sich damit ebenfalls diesem Lernprozess zu stellen.

Brigitte Benjes