Protest gegen die Benachteiligung der Kontaktsportarten in der Corona-Krise

BKV-Präsidentin Kathrin Brachwitz hat gemeinsam mit Thorsten Süfke, Präsident des Landestanzsportverbandes Berlin und Mario Freund, Präsident des Berliner Fechterbundes, in einem Brief an die Leitung des Landessportbundes Berlin gegen die Beachteiligung von Karate und anderen sogenannten Kontaktsportarten protestiert. Es müsse jetzt endlich gehandelt werden und es sei dringend geboten, die aus ihrer Sicht gravierende Benachteiligung dieser Sportarten sowie die Differenzen zwischen politischen Entscheidungen des Senats und deren Umsetzung in der Berliner Verwaltung zu thematisieren.

Sehr geehrter Herr Härtel, sehr geehrter Herr Teuffel,

im Rahmen der Möglichkeiten konnten wir für den Berliner Sport in den vergangenen Wochen einiges im Rahmen der Lockerungen erreichen. Das war gut, zu dem Zeitpunkt Ende Mai ein wichtiges Signal, aber aus heutiger Sicht und im weiteren Verlauf nicht ausreichend. Nach wie vor, so ist nicht nur unser Eindruck, steht der Sport – und einige (Kontakt-)Sportarten sehr deutlich – ganz am Ende der Themenkette der politisch handelnden Personen. Auch die Positionen der für den Sport zuständigen Senatsverwaltung werfen immer mehr Fragen auf…eigentlich mehr Stirn runzeln und dann Verärgerung. 

Die in Corona-Zeiten neu definierte Sportarten-Gruppe der Kontaktsportarten wird in Berlin gänzlich unbeachtet (außer bei der Verbotsaufzählung), wohingegen es mittlerweile in wohl allen anderen Bundesländern den Wegfall der Kontaktbeschränkungen im Sportbereich gibt – zumindest, wenn es einen festen Sportpartner/in gibt. Jegliche Kompromissvorschläge (z.B. feste Trainingspartner, Kleinst- und kleine Gruppen), mindestens für die Landeskader, werden vom Tisch gewischt. Aber selbst dieser Kompromiss wäre nur ein längst überfälliger Schritt.

Gerade in Zeiten, wo nach der Eindämmungsverordnung bereits wieder Indoor-Events mit bis zu 150 Personen möglich sind. Und einige Sportarten dürfen noch nicht einmal kleinste Trainingsgruppen oder gar Wettbewerbe durchführen. Die nach der Berliner Landesverordnung mögliche Freigabe der gedeckten Sportanlagen wird von den Bezirken nur teilweise umgesetzt. Es gibt ein geheimes Dokument, welches nicht durch die Verordnung begründet ist, von der SenInn aber als Maßgabe an die Bezirke versandt wird. Zudem werden in diesem Dokument Vorgaben gemacht, die den Ausführungen der Verordnung widersprechen (z.B. Kontaktverbot für Personen eines Haushalts beim Sport treiben, Reduzierung von Personen pro Trainingsgruppe per qm-Definition).

Und obwohl qualitativ hochwertige Hygienekonzepte von Verbänden und Vereinen vorliegen, bleiben diese gänzlich unbeachtet, wohingegen private/kommerzielle Anbieter auf Basis ihrer Hygiene-Konzepte eine Sondergenehmigung nach der anderen bekommen (für Schwimmbäder und Tanzschulen). Wieso erreicht die Senatsverwaltung für Wirtschaft für deren Klientel mehr als die Senatsverwaltung für Inneres und Sport für alle Beteiligten der Sportmetropole Berlin?

Und wie steht es um den Gleichklang der Lockerungen mit dem Land Brandenburg? Da hieß es Mitte Mai noch, dass sich beide Bundesländer abstimmen würden. Davon ist wohl auch nichts mehr geblieben…

In der Folge ist eine vernünftige Trainings-, Saison- und Wettkampfplanung (bis weit in das Jahr 2021 hinein) unter einer solchen „Abschaltung“ von Sportarten in Berlin und bei gänzlich ungewissem Endpunkt schlicht nicht möglich. Zudem können die Vereine keine neuen Mitglieder gewinnen und es bleibt ihnen nur, weiter an die Treue und Solidarität der Mitglieder zu appellieren. Aber wie lange soll dies so gehen? Hier „sterben“ bald Sportarten aus (oder werden unbedeutend) und es werden Vereine von der Bildfläche verschwinden, ob es nun einen Rettungsschirm gibt oder nicht. Denn Leistung/Erfolge und Mitglieder kann man sich nicht kaufen (wenn wir im Bereich des Anti-Dopings und Fairplays bleiben).

Die Wettbewerbsfähigkeit von Berliner SportlerInnen wird somit auf Jahre ggü. anderen Landesverbänden nicht mehr gegeben sein – zunächst aufgrund des Trainingsrückstands und später durch fehlenden Nachwuchs. 

Es muss u.E. jetzt gehandelt werden und daher erscheint es uns dringend geboten, die aus unserer Sicht gravierende Benachteiligung mancher Sportarten sowie die Differenzen zwischen politischen Entscheidungen des Senats und deren Umsetzung in der Verwaltung zu thematisieren. Ein kurzfristig anzuberaumendes Treffen mit Senator Geisel in Anwesenheit der höchsten LSB-Repräsentanten und betroffener Verbände könnte hier ein erster Schritt sein. Jegliche Gespräche auf niedrigerer Ebene erachten wir als wenig zielführend, da dort in den letzten Wochen unsere berechtigten Anliegen gänzlich unberücksichtigt oder ohne stichhaltige Argumentation unbearbeitet blieben. 

Der Sport leistet immer seinen Beitrag für die Gesellschaft – im sozialen, im integrativen, im inklusiven und gesundheitlichen Bereich – doch mit der Flüchtlingskrise und jetzt der Corona-Pandemie wurde/wird den Sportvereinen ein großer Anteil der Folge-Bewältigung aufgebürdet. Der LSB und die Verbände sollten dem Senat deutlich machen, dass der Titel einer Ehrenamt-Hauptstadt nicht das Papier seiner Benennung wert ist, wenn jahrzehntelang gewachsene Arbeit und Strukturen des Ehrenamts im Sport in Krisenzeiten keine aufrichtige Unterstützung und Gleichberechtigung mit anderen gesellschaftlichen Bereichen erfahren, sondern vielmehr durch gefühlte Ignoranz und konkrete Benachteiligung zunichte gemacht werden. Hier entsteht eine ungerechtfertigte, gesellschaftliche Differenz zu Lasten des Sports, die immer schwerer ausgeglichen werden kann.

Und den Ehrenamtlichen in den Vereinen wird eine Moderationskompetenz zwischen Mitgliedern und politischen Entscheidungen abverlangt, die immer weniger bereit sind, zu übernehmen und damit auch seine Auswirkungen auf das Gewinnen von zukünftigen Ehrenamtlichen haben wird. Denn hier wird weit mehr als die selbstverständliche ehrenamtliche und gesellschaftliche Funktion abverlangt. 

Mit freundlichen Grüßen

Kathrin Brachwitz

 Berliner Karateverband e.V.

- Präsidentin -

kathrin.brachwitz70@t-online.de

 

Thorsten Süfke

Landestanzsportverband Berlin e.V.
- Präsident -

thorsten.suefke@ltv-berlin.de

 

Mario Freund 

Berliner Fechterbund e.V.
- Präsident -

mario.freund@berliner-fechterbund.de