"Wo bist du, Bauch?" Shotokan-Lehrgang mit Bundestrainer Efthimios Karamitsos

DSC_0869.JPGDie Mitte des Körpers, Hara, der Bauch und sein Gefühl: Im Karate müssen wir immer wieder auf diese Mitte hören, aus ihr heraus Kraft und Chi entwickeln. Kime ist ohne ein Bewusstsein des Hara nicht möglich. Wie man diese Mitte des Körpers sucht und hoffentlich auch findet, zeigte Kata-Bundestrainer Efthimios Karamitsos (7. Dan) jetzt bei seinem Lehrgang bei Dokan Berlin.

Alles was wir im Karate machen, muss aus natürlichen Bewegungen und einem natürlichen Stand entwickelt werden. Und eben aus dieser natürlichen Mitte des Körpers, japanisch Hara, auch das "Meer des Chi" genannt. Aber wo liegt dieses Meer eigentlich?

Karate ist Schulung in Meditation, sagt Karamitsos gerne. Meditation in Bewegung. Man spricht oft von Anspannung oder höchster Konzentration der Kraft, und meint dasselbe: Kime ist der Beweis, dass jemand sein Hara gefunden hat.

Karamitsos stellte darum das Kime in den Mittelpunkt seines Lehrgangs. Kime, sagte er, hat fünf Funktionen: Zum einen dient es dem Schutz des Körpers, gibt Festigkeit und Abwehrstärke. Zweitens dient es der Konzentration, der Anwendung der Kraft auf ein Ziel. Drittens verleiht es sozusagen Frieden, Ausgleich – ich hab Kime eingesetzt, dann kommt die Entspannung. Viertens ist es ein Kommunikationsmittel des Körpers, es verbindet Techniken und macht sie fühlbar. Und fünftens ist es ein Mittel zur "Erleuchtung", wie Karamitsos sagte. Also nicht ganz im strengen religiösen Sinne, eher wie ein Aha-Erlebnis, ein Moment der Bestätigung und der Vollendung einer Aktion.

Schwierig? Ja, es war ein recht tiefgehender Lehrgang, voller Erklärungen und auch philosophischer Ausflüge. Aber auch die Übung kam natürlich nicht zu kurz. Die Unter- und Mittelstufe übte die Aufgabe der "Bauch-Suche" zunächst im Stand, dann in Zenku Zu - und Kokutsu-Dachi. Zentrales Thema war wieder die Beweglichkeit der Hüfte und der Schultern: Im Grunde geht es beim Karate ja immer um zwei Formen, sagte Karamitsos: Angriff oder Verteidigung, vorgehen oder zurückweichen, also Hüfte und Schulter vor oder eben zurück. Aus diesen beiden Grundstellungen entwickelte sich das ganze Programm des Lehrgangs, was dann anhand der Heian-Katas (Unter- und Mittelstufe) sowie der Bassai-Dai und der Kanku Sho (Oberstufe) trainiert wurde.

Karamitsos betont immer wieder, dass es im Karate darum geht, wie jemand seine Körperkraft in einer Technik konzentrieren kann. Das verlangt Körperintelligenz – "der Zuki ist nicht intelligent, der Körper schon", führte der Bundestrainer aus. Das muss man lernen im Karate, diese Intelligenz. Welches Gefühl drückt mein Karate aus? Welche Körpersprache hat jemand? Solche Fragen muss man sich stellen, sonst bleibt man gewissermaßen blind gegenüber seinem Hara. Aber – wer sucht, wer also bewusst trainiert, der findet auch.

Alle, die an diesem kalten Novembertag den Weg zu Dokan nach Weissensee gefunden hatten, wurden mit einem Lehrgang belohnt, der buchstäblich zum Nach-Denken brachte. Der Körper ist danach zwar müde, aber der Geist ist wach – und die Suche nach dem besten Karate, das einem möglich ist, geht weiter. Vielen Dank an Efthimios Karamitsos dafür und natürlich an alle Verantwortlichen und HelferInnen von Dokan.

Gerald Wagner, Pressereferent BKV