Unter der Oberfläche: Ein tieferer Blick auf Wado Ryu und Shindo Yoshin Ryu

wado300.jpg140 Teilnehmer, darunter auch zahlreiche Gäste aus Dänemark, England, Finnland, Frankreich, Portugal, Schweden und Spanien trainierten zwei Tage unter der Leitung von Toby Threadgill (Menkyo Kaiden, Takamura Ha Shindo Yoshin Ryu Jujutsu) und Robbie Smith (7. Dan JKF Wado-Kai) in Berlin. Bei diesem traditionellen Berliner Wado Lehrgang konnten nationale und internationale Kontakte geknüpft und die Freundschaft zwischen Wado Karateka und TSYR Mitgliedern vertieft werden. Eine große Ehre und Freude war es, Shuzo Imai, 8. Dan Wado Ryu, als Gast begrüßen zu dürfen.

Toby Threadgill und Robbie Smith lehrten in diesem Lehrgang die für Kampf und Partnerübungen wichtigen Prinzipien Atemi, Kuzushi, Tsukuri und Kake sowie die Konzepte von Sente. Robbie Smith vermittelte diese Prinzipien mit Übungen und Partnerformen, einschließlich der Wado Kumite Gata. Er zeigte, dass die Konzepte von Sente, der Initiative, nicht nur als grundlegend für Hironori Ohtsukas Budo betrachtet werden können, sondern auch ein bedeutendes Merkmal des Wado sind und auf seine Wurzeln verweisen, die vor allem im Shindo Yoshin Ryu, im klassischen japanischen Budo, liegen.

wado3.jpg

Toby Threadgill nahm die Teilnehmer mit auf eine Reise in eben diese historische Vergangenheit der Samurai und vermittelte so die Umsetzung dieser Prinzipien und Kampftaktiken im japanischen Schwertkampf und Jujutsu. Sowohl Toby Threadgill als auch Robbie Smith überzeugten mit ihrem klaren pädagogischen Konzept und ihrem beeindruckenden Können, so dass sie ihre Themen meisterhaft demonstrierten und erklärten.

Die Prinzipien Atemi, Kuzushi, Tsukuri und Kake

Atemi, Kuzushi, Tsukuri und Kake enthalten die Grundlage aller japanischen Partnerkata. Toby Threadgill erläuterte zu Beginn des Lehrgangs, was Wado auszeichnet: Im Unterschied zum Karate aus Okinawa liegt der Ursprung des Wado in Japan. Das Okinawa Karate geht von der Selbstverteidigung aus, Wado dagegen von Angriff und Initiative, Sente. „Wenn ich Wado sehe, sehe ich Shindo Yoshin Ryu … Ich sehe die Pädagogik der klassischen japanischen Martial Arts.“ Shindo Yoshin Ryu und Wado basieren somit auf denselben Prinzipien und Konzepten. Was beinhalten nun diese vier Prinzipien?

wado2.jpg

Der Auftakt geschieht durch Atemi. Atemi erfolgt aktiv oder passiv, psychisch (z. B. durch das Ausüben von Druck, das Erzeugen von Verunsicherung, eines Schrecks) oder physisch (z. B. durch einen Schlag oder Stoß auf empfindliche Körperpunkte des Gegners). Anschließend wird der Partner aus seinem Gleichgewicht und damit ins Kuzushi gebracht. Tsukuri bedeutet, den Gegner nun in eine Position zu bringen, aus der heraus er nicht mehr agieren bzw. sich wehren kann. Kake besagt, dass der Gegner abschließend kontrolliert wird, man selbst sicher ist und diverse Kontermöglichkeiten hat.

Toby Threadgill demonstrierte und lehrte diese Prinzipien am Beispiel verschiedener Partnerkata aus dem Takamura Ha Shindo Yoshin Ryu. Wie in den vergangenen Jahren zeichnete sich sein Training durch sehr präzise Demonstrationen, Erklärungen, individuelle Hinweise und Korrekturen aus. Robbie Smith vermittelte überzeugend an Hand der Kumite Gata 1 – 12, dass mit ihnen neben den o. g. Prinzipien sowohl Enbusen, Ten I, Ten Tai, Ten Gi als auch Timing sowie weiche und fließende Bewegungen gelernt und verinnerlicht werden können. Diese Prinzipien und Bewegungen sind wichtig für den Kampf und sie sollten zueinander in Relation gesetzt werden.  

Sente – Initiative und Angriff im japanischen Budo

Toby Threadgill betonte, dass die Konzepte der Initiative die Denkweise der japanischen Martial Arts widerspiegeln: Das Okinawa Karate geht von der Selbstverteidigung aus, die japanischen Martial Arts aber vom Kampf, vom Krieg und dies hat nichts mit Selbstverteidigung zu tun. Toby Threadgill und Robbie Smith erklärten und demonstrierten, dass sowohl Angreifer als auch Verteidiger eine große Entschlossenheit auszeichnet und sie mit einer fordernden und keineswegs defensiven Haltung agieren. Sente bedeutet Initiative, Angriff, und zwar kompromisslos, auf direktem Wege zum Ziel zu gelangen: Kakugo. Wichtig ist weiterhin der Zeitpunkt des Angriffs, hier wird unterschieden zwischen Go No Sen (reagierendes Timing), Sen No Sen (simultanes Timing) und Sen Sen No Sen (vorausschauendes Timing). Während die Teilnehmer beim Training von Toby Threadgill vielfältige Möglichkeiten hatten, diese Formen des Sente durch ausgewählte klassische Kata des TSYR - wie z. B. einiger Idori -  zu üben, vermittelte Robbie Smith dies mittels der Kumite Gata des Wado.

Ein weiteres Konzept von Sente sind Sinnestäuschungen. Toby Threadgill erklärte, dass es im Unterschied zu Partnerübungen, wo es um das gemeinsame Lernen und das gegenseitige Unterstützen geht, im Shiai (Kampf) darum geht, einen Vorteil aus dem anderen zu ziehen. Es geht um Kontrolle und um den Punkt, wo man ansetzen kann. Hierbei wird auch die Möglichkeit von Wahrnehmungstäuschungen ausgenutzt, bei denen die Sinne und das Gehirn des Gegners bewusst in die Irre geführt werden: „Das ist eine psychische Finte.“ Meisterhaft demonstrierte Toby Threadgill den Teilnehmern dies mit eindrucksvollen Schwerttechniken und -kata.

Sowohl Toby Threadgill als auch Robbie Smith erklärten, dass es durch vielfache Wiederholungen und korrektes Training möglich ist, die technischen Fertigkeiten und die geistige Einstellung soweit zu entwickeln, dass intuitiv gehandelt werden kann. Im besten Fall wird der Zustand des Mushin erreicht: Ein Agieren und Reagieren auf den Gegner ist ohne Zögern sofort und sehr schnell möglich, Bewegungen und Techniken werden spontan und ohne Nachdenken ausgeführt.

Robbie Smith verwies darauf, dass es Ohtsuka war, der mit den Kumite Gata die Tradition und die Prinzipien weitergab und der es möglich machte, dass die Prinzipien der Kumite Gata in den freien Kampf übertragen werden konnten und durch intensives und korrektes Training intuitives Handeln möglich wird. Hier knüpfte Robbie Smith mit seinem sehr durchdachten und strukturierten Training an und vermittelte nicht nur die korrekte Form der Kumite Gata, sondern führte die Teilnehmer auch dahin, dass sie diese am Ende des Lehrgangs in den halbfreien Kampf umsetzen konnten.

Unter der Oberfläche: Ein tieferer Blick auf Wado Ryu und Shindo Yoshin Ryu

Dieser Lehrgang wurde seinem hohen Anspruch gerecht: Toby Threadgill und Robbie Smith gelang ein tiefer Blick auf Wado Ryu und Shindo Yoshin Ryu, indem sie die große Bedeutung der Partnerkata und die Prinzipien und Konzepte des Kampfes vermittelten. Es war ein Lehrgang der gelebten Tradition und Verbindung zwischen TSYR und Wado, begründet durch Hironori Ohtsuka, weitergetragen durch Toby Threadgill und Robbie Smith und damit für uns unmittelbar erfahrbar.

Wir freuen uns auf ein Wiedersehen im Jahr 2015 und laden alle an Martial Arts Interessierten dazu ein.

Christina Gutz