Dominieren des Gegners durch die Kontrolle von Initiative (Sente) und Distanz (Maai)
Wado und TSYR Lehrgang mit Toby Threadgill (USA) und Kaki Kawano (Japan)

WadoTSYRSem02.2016Berlin2.JPGMehr als 100 Teilnehmer trainierten zwei Tage unter der Leitung von Toby Threadgill (Menkyo Kaiden, Takamura Ha Shindo Yoshin Ryu Jujutsu) und Kaki Kawano (5. Dan JKF Wado-Kai) in Berlin. Dieser traditionelle Berliner Wado und TSYR Lehrgang fördert seit nunmehr zehn Jahren den nationalen und internationalen Austausch und die Vertiefung von Freundschaften.

Im Unterschied zum Karate aus Okinawa, das auf Selbstverteidigung basiert und dies mit seinem Leitsatz „Karate ni Sente nashi“ – „Es gibt keinen ersten Angriff im Karate“ klar ausdrückt, beruht Wado Ryu auf den Prinzipien von Sente, auf Angriff und Initiative. Toby Threadgill erläuterte, dass dies mit den Ursprüngen des Wado Ryu zu begründen ist, dessen Kampftheorien aus dem japanischen Shindo Yoshin Ryu (SYR), einer traditionellen Kampfkunst (Koryu), stammen. Der Gründer des Wado Ryu, Hironori Ohtsuka, war in diesem klassischen Budo ausgebildet und transferierte sein Wissen aus dem SYR in das Wado Ryu, und er entwickelte aus dem Jujutsu mit Randori und Shiai die frühesten Methoden des Karate Jiyu-Kumite. Historisch betrachtet ist damit letztlich der Schwertkampf der Samurai Ära, bei dem es um Leben und Tod ging, Ursprung des Kumite. Wado Ryu ist somit eine Kampfkunst der Samurai, eine Kunst von Strategie und Dominanz.

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Ziel des Lehrgangs war es aufzuzeigen, dass diese Kunst von Strategie und Dominanz, und damit die Konzepte von Sente und Maai, aufgrund der historischen Verbindung von SYR und Wado Ryu dieselben sind.

Dominieren des Gegners durch die Kontrolle von Initiative (Sente) und Distanz (Maai)

Sente und Maai stehen im Kampf in enger Wechselwirkung, d. h. während Maai sich auf das Verhalten der Gegner in Abhängigkeit von Zeit und Raum bezieht, beschreibt Sente die Art und Weise, mit der die Gegner im Kampf agieren. Sente beinhaltet zunächst, dass Angreifer und Verteidiger eine große Entschlossenheit auszeichnet und sie mit einer fordernden, ja aggressiven Haltung agieren. Sente bedeutet Initiative, Angriff, und zwar kompromisslos, auf direktem Weg zum Ziel zu gelangen: Kakugo. Während das Okinawa-Karate auf dem Go No Sen, dem reagierenden Timing, basiert, gehen SYR und Wado vor allem von Sen No Sen (simultanem Timing) und Sen Sen No Sen (präventives Timing) aus.

Toby Threadgill betonte und demonstrierte eindrucksvoll, dass mentales und physisches Sente nicht nur zusammengehören, sondern dass vor allem die mentale Einstellung (Mindset) Voraussetzung für den Erfolg, den Sieg, ist. Die Teilnehmer konnten in den von Toby Threadgill methodisch-didaktisch sehr gut aufgebauten Übungen erfahren, dass Sente eine grundlegende Taktik ist und dass Prinzipien wie zum Beispiel Chushin Tadasu, Taisabaki, Irimi, Atemi, Kuzushi, Tsukuri und Kake zu diesem Konzept gehören.
Toby Threadgill vertiefte dieses Basiswissen, indem er die drei Arten von Sente als Kreislauf darstellte: Go No Sen, Sen No Sen, Sen Sen No Sen können in einer Partner-Kata, in einer Kampfhandlung ineinander übergehen, sich abwechseln und sich gegenseitig bedingen. 

In zahlreichen Übungen trainierten die Teilnehmer diese Taktik, erkannten, dass das mentale Sente das physische bedingt und es damit gelingt, auf den Partner, seine Zeichen/Signale zu achten, um im Kampf Vorteile daraus zu ziehen. In gut aufeinander abgestimmten Übungen vermittelten Toby Threadgill und Kaki Kawano das Konzept von Maai: Es beschreibt nicht nur die räumlich-zeitliche Distanz, sondern die Gesamtheit der Absichten und Bewegungen der Gegner im Kampf. Die Teilnehmer übten die Überwindung verschiedener Distanzen  und verbesserten ihr Gefühl für die korrekte Distanz, aus der es möglich ist, den Gegner unter Druck zu setzen, seine Aktionen zu stören, ihn unmittelbar zu kontrollieren und ihn letztlich zu besiegen. Sowohl Toby Threadgill als auch Kaki Kawano legten in diesem Zusammenhang einen Schwerpunkt auf die acht Richtungen des Ausweichens unter besonderer Einbeziehung des Taisabaki. Darüber hinaus wurde bei allen Übungen zu Sente und Maai immer wieder darauf hingewiesen, dass das Agieren aus der Entspannung mit ansatzlosen und fließenden Bewegungen, das Brechen und Kontrollieren des Rhythmus des Gegners, richtiges Timing und korrekte Atmung die Aktionen in der Partnerübung und im freien Kampf zum Erfolg führen. So konnten die Teilnehmer auch hier die Verbindung zwischen SYR und Wado Ryu erfahren.

Letztlich wurde durch die Erläuterungen, Korrekturen und Übungen immer wieder klar, dass Sente und Maai in den Partner-Kata des SYR, in den Kumite-Formen des Wado Ryu und im freien Kampf wesentliche Konzepte für das Dominieren des Gegners sind.

Wado und TSYR: Die Prinzipien sind dieselben und sie sind zeitlos

Dieser Lehrgang setzte die Entwicklungslinie der Jahre seit 2007 fort: TSYR und Wado Ryu sind miteinander verbunden und besitzen eine gemeinsame Schnittmenge. Diese Lehrgänge ermöglichen uns zu erkennen, was im Wado hinter der Form steckt, welche Budo-Prinzipien wirken und aus welchem Potential wir schöpfen können.
Dank an Toby Threadgill für seine jahrelange Kontinuität, seine Unterstützung und das „Öffnen von Türen“. Wir freuen uns auf ein Wiedersehen am 18., 19. Februar 2017 und laden alle an Martial Arts Interessierten dazu ein.

Hier noch der Artikel als PDF in deutsch und englisch ...

Christina Gutz