Wado Ryu-Pfingstlehrgang 2012 in Berlin

wadopflg1_neu.jpgMehr als 170 Teilnehmer aus Deutschland, Ungarn, Österreich, Finnland, Portugal, Spanien und Frankreich trafen sich zum traditionellen Wado-Pfingstlehrgang 2012 in Berlin. Geleitet wurde das Training von Shuzo Imai (8. Dan Wado Ryu) und Toby Threadgill (Menkyo Kaiden, Takamura-Ha Shindo Yoshin Ryu).

“Koryu lives a little bit in Wado. Shindo Yoshin Ryu and Wado are like cousins.” (Toby Threadgill)

Wado Ryu wurde von Hironori Otsuka (1892 – 1982) gegründet und basiert auf zwei Säulen: Dem Shindo Yoshin Ryu und dem Okinawa-Karate. Ziel des Lehrgangs war es, die historische Verbindung zwischen dem SYR und dem Wado aufzuzeigen. Inhalte waren die Entwicklung von Schnelligkeit und Energie durch Entspannung und die Prinzipien von Tai Otoshi, Omote und Ura Version der Tantodori Kata, verschiedene Methoden der Erzeugung von Kraft und Energie im Rahmen der Idori Kata.wadopflg4_neu.jpg

Am ersten Tag des Lehrgangs stellte Toby Threadgill SRY und Wado in den historischen Kontext des beginnenden 20. Jahrhunderts: Otsuka erkannte, dass das Jujutsu und Kenjutsu der alten Koryu-Schulen aufgrund der massiven gesellschaftlichen Veränderungen in Japan Gefahr liefen auszusterben. Das Karate aus Okinawa verzeichnete dagegen einen starken Zulauf. So entschied Otsuka, das Wissen der Koryu-Schulen, das er studierte, in einen neuen Ausdruck des Budo zu transferieren, den er schließlich Wado Ryu nannte. Toby Threadgill veranschaulichte dies mit einem Bild: Otsuka nahm das Okinawa Karate, entfernte dessen Kernprinzipien und setzte die Kernprinzipien des SYR ein. So übertrug er das Wissen des Koryo in das Wado Ryu: “Koryu lives a little bit in Wado. SYR and Wado are like cousins.“

Anders als im Wado erfolgt im SYR die Übertragung des Wissens direkt vom Lehrer zum Schüler: Dinge werden nicht verändert, sondern bewahrt. Mit Toby Threadgill als Menkyo Kaiden unternahmen die Teilnehmer des Lehrgangs sinnbildlich eine Zeitreise zurück ins Japan des 19. Jahrhunderts. Durch das Training von Shuzo Imai konnten sie erfahren, dass die Prinzipien und einige Partnerübungen des SRY wie Tantodori und Idori im Wado weiterleben. Im Verlauf des Lehrgangs erlaubte Toby Threadgill den Teilnehmern, auch einige seiner Urkunden (Densho) anzuschauen. Vor allem zeigte er seinen Joden Mokuroku  und Menkyo Kaiden. Shuzo Imai hat die Richtigkeit dieser Urkunde vor den Teilnehmern bezeugt.

Das Training: Idori und Tantodori

Toby Threadgill unterrichtete auf diesem Lehrgang die TSYR Idori und Tantodori Kata , die Otsuka in das Wado übernahm, die Techniken aber abwandelte, so dass das ihnen inhärente Verletzungsrisiko reduziert wurde. Wichtig waren Otsuka die Prinzipien des SYR, die er in das Wado übertrug, wie  zum Beispiel Chushin Tadasu (korrekte Körperhaltung), Kansetsu (Hebel) und Kuzushi (Brechen des Gleichgewichts).

Die Idori entwickelten sich im alten Japan, da das Leben im privaten und im öffentlichen Raum nach festen Verhaltensregeln „am Boden“ stattfand. Bei den Idori handelt es sich um Partnerübungen, die im Seiza/Heiza ausgeführt werden. Wichtig bei ihrer Ausführung sind u. a. eine korrekte Körperhaltung (Chushin Tadasu) und das Arbeiten aus der Entspannung mit entsprechender Aufmerksamkeit für die Körperdynamik.
Toby Threadgill demonstrierte und vermittelte diejenigen der TSYR Idori Kata, die in abgewandelter Form, aber unter Beibehaltung der Prinzipien, von Otsuka in das Wado übernommen wurden:
TSYR                Wado-Kai
1.    Toby Chigai Dori            Te Dori
2.    Zu Soe                Zu Dori
3.    Ashi Dori            Ashi Dori
4.    Kasumi Dori            Hiki Dori
5.    Kanegi Dori            Shumoku Dori
6.    Gozen Dori            Gozen Dori
7.    Gyakute Gaeshi            Hijite Kansetsu Gyakutorinage

Tantodori

Bei den Tantodori handelt es sich um eine Verteidigung gegen einen Messerangriff. Unterschieden werden Omote, Ura und Henka Version. Otsuka beschränkte sich auf die Omote Version, da er die in den Tantodori des SYR enthaltenen Prinzipien vermitteln wollte. Im Wado Ryu ist die scharfe Seite des Messers beim Angriff nach oben gedreht, ein Zeichen dafür, dass der Angreifer im Umgang mit Waffen nicht geschult war. Beim Üben der Tantodori  im Wado geht es somit um das Erlernen der Prinzipien, wie man sich gegen scharfe Waffenangriffe verteidigt. Eines der wichtigsten Prinzipien des Wado Ryu, das aus dem Messerangriff stammt, ist Taisabaki: schnelles, effektives und präzises Ausweichen. So ist es möglich, mit einer Kontertechnik in den Gegner „Hineinzugehen“ (Irimi), ihn zu kontrollieren, aus dem Gleichgewicht zu bringen (Kuzushi) und ihn dabei zu besiegen.

Toby Threadgill demonstrierte und lehrte die TSYR Tantodori, die in abgewandelter Form, aber unter Beibehaltung der Prinzipien, von Otsuka in das Wado übernommen wurden:

TSYR                Wado-Kai                       
1.    Soto Udegarami Dori        Udegarami Dori                   
2.    Tegaeshi Nage            Kotenage Dori                       
3.    Erinage Dori            Erinage Dori                       
4.    Zu Dori                Zu Dori                       
5.    Hikitate                 Hikitate                       
6.    Gyakute Gaeshi Nage        Hikiotoshi Dori

Entwicklung von Schnelligkeit und Energie durch Entspannung und Tai Otoshi
Shuzo Imai ging in seinem Training auf Tai Otoshi (Ausnutzung der Erdanziehungskraft)  ein und verwies darauf, dass dies ein grundlegendes Bewegungsprinzip im Budo ist. Darauf aufbauend zeigte er die Verbindung zwischen Wado Ryu und SYR auf, indem er den Teilnehmern vermittelte, dass die Bewegungsprinzipien im Karate und im SYR nahezu dieselben sind. Die Teilnehmer übten zum einen Grundtechniken des Kihon, insbesondere Junzuki No Tsukomi, Tobikomizuki und Nagashizuki und zum anderen die Kata Naihanchi, Kushanku und Jitte. Deutlich wurde, dass der Sinn der Kata im Wado das Erlernen der korrekten Körperbewegungen ist und es um die aus dem SYR stammenden Prinzipien geht, die in der Kata enthalten sind.

Einen weiteren Schwerpunkt legte Shuzo Imai auf die traditionellen Partnerübungen des Wado. Im Mittelpunkt standen die Prinzipien des Ausweichens (Taisabaki) und Hineingehens (Irimi). Anschaulich konnte er den Teilnehmern demonstrieren, dass nur aus der Entspannung und der Ausnutzung der Schwerkraft (Tai Otoshi) schnelle und effektive Techniken erfolgen können. Durch das Üben der traditionellen Kihon Kumite und Tantodori erfuhren die Teilnehmer wiederum, dass die Kenntnis und Anwendung der Budo-Prinzipien Voraussetzung für ein korrektes und effektives Wado Karate sind.
Bewahren des Erbes

Am Ende des Lehrgangs betonte Toby Threadgill, dass es Otsukas Absicht war, im Wado das historische Erbe des SYR zu erhalten. Im SYR gibt es weltweit nur ca. 150 Praktizierende. Wir, die Wado Karateka, unterstützen ihn im Bewahren des SYR-Erbes. Sein Lehrer Yukiyoshi Takamura  hat seine Kunst und sein ganzes Wissen einer neuen Generation übergeben. Toby Threadgill ist beauftragt, das Gleiche zu tun. Es ist sein Wunsch, dass Wado Karateka das, was er uns lehrt, aufnehmen und verarbeiten sollten und so auf dem Wado-Weg das Erbe des SYR weitergeben.  Toby Threadgill ist beeindruckt, dass so viele im Wado an dem historischen Austausch interessiert sind.

Auch Shuzo Imai betonte die gemeinsamen Wurzeln des Wado und SYR. Er fügte hinzu, dass dank Toby Threadgill die Wado Karateka die einmalige Möglichkeit haben, die SYR-Wurzeln des Wado und gleichzeitig die japanische Budo-Bewegung kennen und verstehen zu lernen und damit Wado so zu praktizieren, wie es sich der Gründer Hironori Otsuka vorgestellt hat.

Der Wado-Pfingstlehrgang hat gezeigt, dass miteinander trainieren und lernen wichtig und möglich ist und wir so unser Wado verbessern und vertiefen können.  Einigendes Element ist das Bewahren des gemeinsamen historischen Erbes unseres Gründers Otsuka, das im SYR liegt und das uns Toby Threadgill vermittelt.

Im nächsten Jahr wird es wieder einen Wado-Pfingstlehrgang 2013 geben. Wir laden alle ein, nach Berlin zu kommen und mit uns zu trainieren!

Christina Gutz