Chushin Tadasu und die Wechselwirkung zwischen Haltung und Balance: Wado-Lehrgang mit Toby Threadgill und Bob Nash in Berlin

wado.jpg160 Teilnehmer, darunter auch zahlreiche Gäste aus Finnland, Belgien, den Niederlanden, Portugal, Spanien und Schweden trainierten zwei Tage unter der Leitung von Toby Threadgill (Menkyo Kaiden, Takamura-Ha Shindo Yoshin Ryu Jujutsu) und Bob Nash (7. Dan JKF Wadokai) in Berlin. An dem von Bob Nash geleiteten Trainertraining am Montagabend nahmen mehr als 20 Dan-Träger teil. Auch in diesem Jahr konnten bei dem mittlerweile traditionellen Berliner Wado-Lehrgang nationale und internationale Kontakte geknüpft und gepflegt werden.

Eine besondere Ehre und Freude war es, Shuzo Imai, 8. Dan Wado Ryu, als Gast auf diesem Lehrgang begrüßen zu dürfen. Gemeinsam mit Toby Threadgill wird Herr Imai den Wado-Pfingstlehrgang 2012, der vom 26. – 28.05.2012 in Berlin stattfinden wird, leiten.wado3.jpg

Wado Ryu wurde von Hironori Otsuka (1892 – 1982) gegründet und hat seine Wurzeln im Shindo Yoshin Ryu (SYR) und im Okinawa-Karate. Die historische Verbindung des Wado Ryu mit dem Shindo Yoshin Ryu findet sich noch heute beispielsweise in den Prinzipien des SYR, die Hironori Otsuka in das Wado Ryu integriert hat. Ziel des Lehrgangs war es, dieses Erbe des Wado aufzudecken und den Teilnehmern ein besseres Verständnis für die Details im Wado Ryu zu vermitteln.

Das Training 

Das Training begann an beiden Tagen jeweils mit einer gemeinsamen Trainingseinheit, in der vom SYR ausgehend die Verbindungen zum Wado Ryu aufgezeigt wurden. Anschließend trainierten die Teilnehmer in zwei Gruppen, die jeweils von Bob Nash und Toby Threadgill geleitet wurden.

Chushin Tadasu: Erhaltung der Körperstruktur

Ausgehend von der Verteidigung mit einem Schwert, demonstrierte Toby Threadgill überzeugend, dass Geschwindigkeit wichtiger als Kraft ist. Geschwindigkeit in der Bewegung kann jedoch nur entwickelt werden, wenn sich Körper und Geist im Gleichgewicht befinden. Dieses Gleichgewicht wiederum ist abhängig von einer korrekten Körperhaltung, die effektive Muskelarbeit ermöglicht. Bei einem Angriff bewirkt diese Körperhaltung des Verteidigers, dass der Angreifer das Zentrum des Verteidigers nicht fühlen kann. Bei Kontakt (Musubi) entsteht sofort vom Verteidiger zum Angreifer ein Energiefluss und der Angreifer kann aus seiner Balance (Kuzushi) gebracht werden, noch bevor er es bemerkt. 

Diese grundlegenden Prinzipien veranschaulichte Toby Threadgill auch am Beispiel der SYR Kata Nairiki. Mit der Demonstration einer zweiten Kata, der Kata Banjaku, wurde darüber hinaus klar ersichtlich, dass die Körperstruktur eine korrekte Arbeit der Muskulatur ermöglicht und dass durch das Nutzen des eigenen Schwerpunktes der Körper nach unten fallengelassen wird und somit die Kraft der Erde genutzt wird (Tai Otoshi). Deutlich wurde hier, dass Kontrolle des eigenen Körpers und Geistes sowie Sensitivität, ja ein „waches Bewusstsein“, die Voraussetzungen für ein erfolgreiches Agieren sind. 

In einer der folgenden Übungen standen sich die Partner gegenüber und hielten ihre Handinnenflächen gegeneinander. Einer der Partner sollte vom anderen aus dem Gleichgewicht gebracht werden. Indem der sich verteidigende Partner die Energie des angreifenden Partners aufnahm, sie zu ihm zurück reflektierte und auf eine korrekte Körperhaltung achtete, gewann er die notwendige innere Stärke und konnte sein Gleichgewicht halten. Um diese hohe Sensitivität für den Partner zu entwickeln, ist es wichtig, dass die Bewegung immer aus der Körperachse, der Wirbelsäule erfolgte und aus der Entspannung gearbeitet wurde.

Bob Nash übertrug diese Prinzipien auf die Grundschule (Kihon) und die Kata Naihanchi, Chinto, Seishan sowie die Partnerübung Kihon Kumite 9. Somit wurde die unmittelbare Verbindung zwischen Wado Ryu und SYR deutlich: Die Methoden zur Erzeugung von Energie basieren auf einer entspannten und verbundenen Körperstruktur. Die Bewegung kann von der Basis, durch die Knochenstruktur übertragen werden und am Kontaktpunkt (zum Partner) austreten. Muskelspannung hingegen blockiert das Fließen dieser Verbindung und verhindert die richtige Bewegung und die effiziente Energieübertragung. Nur unter Einhaltung dieser Prinzipien können die Techniken effektiv ausgeführt werden. Bob Nash zeigte somit auf, dass eine korrekte Körperhaltung und ein „geerdet Sein“ wichtig für den Start, den Übergang und das Ende aller Kihon-Techniken sind, da nur so eine maximale Kraftübertragung stattfinden kann.

Der Kampf als Ernstfall

In ihrem gemeinsamen Vortrag gingen Toby Threadgill und Bob Nash in der Historie zurück und stellten klar, dass es in den früheren kriegerischen Auseinandersetzungen um Leben und Tod ging. Toby Threadgill schlussfolgerte, dass der Kern des SYR deshalb der Sieg über den Gegner ist.

Er untermauerte diese Aussage, indem er einen Schwertangriff erfolgreich abwehrte und seine Aktion mit den Worten kommentierte: „I’ve to maintain structure so he loses structure. …You’re cut before you know to lose the sword. … One cut and it’s gone.”

Bob Nash schloss daran an und ergänzte, auch im Wado geht es im Prinzip um den Sieg in einer tödlichen Auseinandersetzung. Der Gegner muss besiegt sein, bevor er es realisieren kann. Anhand von Kihon Kumite 1 und 9 verdeutlichte er die Prinzipien aus dem SYR im Wado: Mit dem ersten ziehenden Block (Nagashi Uke) stellt der Verteidiger einen Kontakt (Musubi) zum Angreifer her und leitet den Angriff um. In dem Moment, in dem dieser Kontakt entsteht, stellt er eine subtile Verbindung zu dem Zentrum und zur Basis des Angreifers her. Und da diese Verbindung so fein ist, bemerkt sie der Verteidiger nicht: Er fühlt sich „festgefahren“ („He feels stuck.“ Bob Nash). Diese Situation gibt dem Verteidiger genug Zeit für einen Konter und den Sieg. Grundlegend ist, dass die Energieübertragung vom Verteidiger zum Zentrum des Angreifers geschieht, ohne dass der Angreifer sich bewusst ist, dass sein Zentrum gefährdet wurde. 

Kata und das Bewahren der Geschichte 

Das Wissen über die Geschichte und damit auch über die Prinzipien wird unter anderem in den Kata  übermittelt. Deshalb wies Toby Threadgill eindringlich darauf hin, dass die Kata und die in ihnen enthaltenen Prinzipien auf keinen Fall verändert werden dürfen. Der Sinn der Kata besteht im Lehren der Prinzipien. Toby Threadgill verglich die Kata mit einem Wörterbuch, jeder der Partner hat hier seine Funktion. Zusammenarbeit und das Achten auf die Sicherheit sind wichtig, um die Kata richtig verstehen und ausführen zu können.

Bei einer Kata werden drei Versionen unterschieden:

1. Omote: Die „Oberfläche“ einer Kata. Hier geht es nicht um die praktische Umsetzung, sondern um das Lernen der Prinzipien. 

2. Ura: Das „tiefere Wissen“, das in einer Kata verborgen ist, das nur ausgewählten hochgraduierten Schülern vermittelt wird. Die Ura Version ist mehr auf die Anwendung bezogen.

3. Henka: Die individuelle Version der Kata. Sie ist wirklich realistisch – bis hin zum Töten.

Alle drei Versionen sind in einer Kata enthalten, gegründet auf den Prinzipien. Der Grund für das Bestehen der Kata ist also das Bewahren der Geschichte und des in ihr enthaltenen historischen Wissens. 

Beachtet werden muss in diesem Zusammenhang, dass Hironori Otsuka beispielsweise bei den Tantodori die Prinzipien und nicht die praktische Anwendung unterrichtete. Otsuka hat die Angriffe mit dem Messer stilisiert, damit die Prinzipien ohne gegenseitige Verletzungen geübt werden können.

Ein Blick in die Vergangenheit: Die Verleihung der Lizenzen

Ein besonderer Blick in die Vergangenheit wurde den Teilnehmern mit der Verleihung der Lizenzen (Shoden Mokuroku) an Marco und Artur Pinto zuteil. Im Unterschied zum Wado Ryu, wo es möglich ist, einen Dan-Grad zu erlangen (heute 1. – 10. Dan, früher 1. – 5. Dan), werden in den alten Koryu Schulen Lehr-Lizenzen vergeben. Im SYR spiegeln die drei Lizenzen die drei Stufen des Lehrens wider: 1. Shodan, 2. Chudan, 3. Jodan. Toby Threadgill übergab Marco und Artur Pinto ihre Shodan Lizenzen: Eine Rolle enthält das Curriculum für Waffen, die zweite das für Tai Jujutsu. Gefertigt und beschrieben wurden diese Rollen von Toby Threadgill, dem Menkyo Kaiden, so wie es traditionell Brauch ist.

Chushin Tadasu und die Wechselwirkung zwischen Haltung und dem Wirken in der Welt

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Toby Threadgill und Bob Nash mit diesem Lehrgang die Verbindung von SYR und Wado Ryu darstellten, indem sie die Bedeutung von gemeinsamen Prinzipien und ihr Eingebundensein in das historische Erbe von SYR und Wado aufzeigten. Darüber hinaus konnte Toby Threadgill den Teilnehmern die Wechselwirkung zwischen Haltung und Balance vermitteln. Denn letztlich bestimmt unsere innere und äußere Haltung unser Wirken nicht nur im Dojo, sondern auch in der Welt.  

Wiedersehen 2013

Vom 23. – 25.02.2013 werden Toby Threadgill und Bob Nash wieder in Berlin sein.

Wir laden alle ein, an diesem Lehrgang teilzunehmen.

Christina Gutz