Traditionelles Karate und Sportkarate

Wado_Seminar_Robbie_Smith_22.23.02.2014_Berlin.JPGChristina Gutz, Stilrichtungsreferentin Wado Ryu des BKV, hat für den US Wado Newsletter einen Artikel mit dem Titel „Traditionelles Karate versus Sportkarate?“ geschrieben. Er wurde dort in der Ausgabe Juni 2015 veröffentlicht. Da diese Thematik sicherlich im BKV auf Interesse stößt, gibt es den Artikel hier zum Nachlesen. Vielen Dank an die Autorin!

„Die Kampfkünste sind wie der Kosmos, sie sind unendlich. Sei dir bewusst, dass es dort keine Gren-zen gibt.“ Hironori Otsuka  

Eine kurze historische Einführung

Karate entwickelte sich auf den Ryukyu Inseln, dem heutigen Okinawa, seit Ende des 14. Jahrhunderts unter chinesischem Einfluss über viele Jahrhunderte als ein Kampf- und Selbstverteidigungssystem. Anfang des 20. Jahrhunderts gelangte Karate zum japanischen Festland. Auf einer vom japanischen Kulturministerium organisierten Veranstaltung, dem „Dai Ikkai-Taiiku Tenrankai“, wurde es im Juni 1922 das erste Mal öffentlich gezeigt.  

Im Unterschied zum Koryu, den traditionellen japanischen Kampfkünsten, die vor dem Beginn der Meiji Restauration 1868 entstanden, gehört Karate zum Gendai Budo, den Kampfkünsten, die nach 1868 in Japan gegründet wurden. Im Gendai Budo geht es einerseits um die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit und andererseits um die Selbstverteidigung. Wado Ryu Karate bildet hier insofern eine Ausnahme, als Hironori Otsuka (1892 - 1982) sein Wissen aus dem  japanischen Shindo Yoshin Ryu, einer Koryu Schule, in das von ihm 1934 gegründete Wado Ryu übertrug.   

Anko Itosu (1832 – 1916) reformierte Anfang des 20. Jahrhunderts das Karate Okinawas, indem er aus der geheimen Kampfkunst ein System entwickelte, das zur körperlichen Ertüchtigung und geistigen Erziehung im Sinne des Do an den Schulen gelehrt werden konnte. Hironori Otsuka schuf die frühesten Methoden des Karate Jiyu-Kumite aus dem Jujutsu Randori und Shiai und führte den Frei-kampf mit einem Regelwerk in das Karate ein. Historisch betrachtet kam der freie Kampf somit vom Schwert über das Jujutsu und Kendo zum Karate. ,   

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Seit dem Ende des II. Weltkrieges 1945 verbreitete sich Karate weltweit und ist heute in verschiedene Stilrichtungen wie Wado Ryu, Shito Ryu, Goju Ryu, Shotokan und in Karate Organisationen, deren größte die World Karate Federation (WKF) ist, aufgeteilt. 

 

Traditionelles Karate versus Sportkarate?

Vorneweg möchte ich bemerken, dass in Deutschland Karate generell unter dem Dach des Deutschen Karate Verbandes e. V. organisiert ist. Sport- und traditionelles Karate sind sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene präsent und miteinander vernetzt. Die Kyu- und Dan-Prüfungsprogramme der einzelnen Stilrichtungen gewährleisten einen einheitlichen Rahmen, Erwartungshorizont und Transpa-renz. Auf Landesebene wird in den Vereinen sowohl traditionelles als auch Sportkarate trainiert. Dies ist abhängig zum einen von der Ausrichtung der Vereine und zum anderen von den dort unterrichten-den Senseis und Trainern.

Sportkarate spricht Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene an. Es bietet ihnen Spaß beim Training in der Gruppe, Freude an der Bewegung, Freude an den Lernerfolgen, und es stabilisiert bzw. verbessert ihre Gesundheit. Oftmals werden diese Karateka in ihren Vereinen und Schulen über ihre Trainer an den Wettkampf herangeführt. Im Wettkampf geht es um den sportlichen Vergleich und da-rum, Champion zu werden. Der sportliche Wettkampf hat klare Regeln, Punktesysteme, Gewichts-, Altersklassen und Geschlechtertrennung. Voraussetzung für den Wettkampf sind Standards, so dass es zur Nivellierung der Kata und des Kumite kommt.  Darüber hinaus geht es auch um Öffentlichkeits-arbeit bzw. um eine Steigerung der Attraktivität des Karate in der Öffentlichkeit, und so werden zum Beispiel in öffentlichen Wettkampfvorführungen oft Showeffekte eingebaut. 

Vom traditionellen Karate fühlen sich eher Erwachsene angesprochen. Wie beim Sportkarate bietet es Spaß beim Training in der Gruppe, Freude an der Bewegung, Freude an den Lernerfolgen, stabilisiert bzw. verbessert die Gesundheit. Dennoch bestehen Unterschiede: 

Traditionelles Karate fokussiert die Selbstverteidigung, Wado Ryu den Gedanken des Sente, des Angriffs. Eine Erklärung bietet der Blick in die Geschichte bzw. die Realität im Kampf: Auf einem Schlachtfeld, in einem Zweikampf ging und geht es immer um Sieg oder Niederlage, um Leben und Tod. Oberflächliche Aktionen oder unnötige Techniken fehlen deshalb im traditionellen Karate. Jede Bewegung hat hier eine Bedeutung, traditionelles Karate geht direkt zum Ziel (Kakugo), um das Über-leben zu sichern. 

Der Sportkarateka dagegen konzentriert sich in der Regel auf Grundtechniken, Kombinationen und Kata. Nimmt er an Wettkämpfen teil, steht die spezielle Vorbereitung auf diesen Wettkampf im Mittel-punkt des Trainings: Techniken und deren Ausführung werden so geübt, dass sie dem Karateka Punkte bringen. Kenei Mabuni hat dies treffend formuliert:

„Nachdem der japanische Karateverband geschaffen worden war, entstand das Wettkampfkarate, das von der japanischen Gesellschaft für Körpererziehung unterstützt wurde und sich auch international entwickelt. Die Grundlage des Wettkampfkarate blieb aber das Budo. … Wenn ich ins Ausland fahre, erkläre ich immer, dass das Karate Budo sei und nicht einfach Wettkampfsport, und dass das Wichtigste am Budo geistiger Natur sei. … Das Karate dort (in Japan, CG) ist stark wettkampforientiert. … Daher dient die Trainingszeit stets der Vorbereitung auf irgendeinen Wettkampf. Im Ergebnis wird immer das gleiche wiederholt und es bleibt keine Zeit, Hebel, Würfe, Vitalpunkttechniken oder Techniken mit den traditionellen okinawanischen Waffen wie Bo und Sai zu trainieren. Das bedeutet, dass es auch immer seltener Gelegenheit gibt, diese Techniken wenigstens kennenzulernen.“  

Während das Sportkarate somit immer an der Oberfläche (Omote) bleibt, bietet das traditionelle Kara-te dem Karateka ein Eintauchen in den Dialog mit der Historie, denn im traditionellen Karate werden das alte Wissen und Können der jeweiligen Stilrichtung bewahrt und gepflegt. Voraussetzung hierfür ist der Unterricht bei einem anerkannten und erfahrenen Sensei, der Träger dieses Wissens und Kön-nens ist und es an seine Schüler weitergibt. Er kann in seinem Training unmittelbar durch Übungen und Erläuterungen (Kuden) vermitteln, was unter der Oberfläche liegt, den Kata und Kumite Formen innewohnt, aber nicht offensichtlich ist (Ura und Henka). Für die Schüler wird dies emotional und rati-onal erfahrbar und kann durch die direkte Verzahnung von Lehre und Übung umgesetzt werden. Dies geschieht durch eine über viele Jahre und sehr oft über Jahrzehnte hinweg bestehende enge, ver-trauensvolle und auch familiäre Verbindung zwischen dem Sensei und seinen Schülern und den Schülern untereinander. Es geht also um mehr als die Freude am gemeinsamen Training: Es geht um den Gedanken, das Erbe des Stils zu bewahren und weiterzugeben, um die Entwicklung der Persön-lichkeit, um das stete Arbeiten an sich selbst. 

Wie eingangs erwähnt, nimmt diese Entwicklung der Persönlichkeit im Gendai Budo, zu dem Karate gehört, eine herausragende Stellung ein. Eine Schlüsselrolle kommt bei dieser Weiterentwicklung dem Reigi, der Etikette, zu. Es handelt sich hier nicht um bloße Formen und Regeln, sondern um das Be-mühen, das eigene Ego zu überwinden, Respekt gegenüber anderen zu verinnerlichen, sich um hohe Aufmerksamkeit zu bemühen und – hier wird deutlich, dass Reigi im Besonderen und Budo im Allge-meinen mehr umfassen als das Verhalten im Dojo –: Es geht um eine tadellose innere und äußere Haltung gegenüber sich selbst und gegenüber der Welt. Traditionelles Karate ernsthaft ausgeführt erfordert deshalb Geduld, Beständigkeit, Selbstdisziplin, Bescheidenheit, Zurückhaltung und letztend-lich auch lebenslange Hingabe. 

Budo bildet gleichwohl die Grundlage für das Sport- und Wettkampfkarate. Budo und Reigi dürfen nicht als bloße Form betrachtet werden, die Trainer sollten sich ihrer Vorbildfunktion bewusst sein und die Form mit Leben füllen und – wie Takashi Sasagawa schreibt – Karatedo „mit großem Enthusias-mus und dem Wissen um die Philosophie (des Budo, CG) verbreiten“ .

Nicht traditionelles Karate versus Sportkarate, sondern traditionelles Karate und Sportkarate

Meiner Auffassung nach schließen sich traditionelles Karate und Sportkarate nicht aus, vielmehr be-fruchten sie sich gegenseitig: Ausgehend von der gemeinsamen Grundlage der Philosophie des Budo und den Budo-Prinzipien kann das Sportkarate Nachwuchs für das Karate gewinnen und im Training und Wettkampf fördern. Durch das Miteinander von sportlichem Karate und traditionellem Karate im Verein, auf Landes- und Bundesebene kann der Sportler in das traditionelle Karate „hineinwachsen“ und sich dafür begeistern. Das traditionelle Karate lebt weiter, das historische Erbe wird bewahrt. Älte-re Karateka bleiben geistig und körperlich aktiv und vermitteln ihr Wissen und Können an Jüngere. Dieser aktive Austausch der Karateka untereinander, zwischen Jung und Alt, Tradition und Moderne, zwischen dem Sensei und seinen Schülern hält Budo lebendig und bereichert unser Leben.  

Fotos: Robbie Smith, 7. Dan JKF Wado-Kai, am 22., 23.02.2014 in Berlin mit einer Kumite Gata; Kaki Kawano, 5. Dan JKF Wado-Kai, am 21., 22.02.2015 in Berlin bei einer Wettkampfübung.

Der Text mit Fußnoten 

Und hier auch der englische Text ...

Literatur

Gutz, Christina: Kumite und Randori: Die Brücke vom Kata Training zum freien Kampf. Wado und TSYR Lehrgang mit Toby Threadgill (USA) und Kaki Kawano (Japan) am 21. und 22.02.2015 in Berlin

Gutz, Christina: Wado-Pfingstlehrgang 2012 in Berlin: “Koryu lives a little bit in Wado. Shindo Yoshin Ryu and Wado are like cousins.” (Toby Threadgill)

Japan Karatedo Federation: Karatedo Kata Model for Teaching Shiteigata, Japan 2001

Japan Karatedo Federation: Karatedo Kata Model for Teaching, Japan 2004

Kono, Teruo: Der Weg des Schwarzgurtes. Bremen 1996

Kono, Teruo: Karate. Der Weg zum Schwarzgurt. Hamburg 1982

Mabuni, Kenei: Leere Hand. Vom Wesen des Budo-Karate. Hg. Von Carlos Molina. Chemnitz 2007

Otsuka, Hironori: Wado Ryu Karate. Hamilton, Ontario 1997, S. 4 (Erstmals veröffentlicht im 44. Jahr der Showa Ära.)

Shigeru, Egami: The Heart of Karatedo 1976, p. 111. In: Pre–World War II Okinawa. Kumite was not part of karate training. Higaonna, Morio: Traditional Karatedo Vol. 4 Applications of the Kata 1990, p. 136

Forbes, Julian: Traditional Vs. Sport Karate. 

http://www.downloadkarate.com/karate-articles/traditional-vs-sport-karate (04.05.2015)

Knobel, Jan: The virtues of traditional karate vs sports karate

http://www.martiallife.com/index.php/component/content/article/3-martial-arts-interviews/38-jan-knobel-the-virtues-of-traditional-karate-vs-sports-karate.html (04.05.2015)

PZKT Traditional Karate Federation of Poland: Differences between traditional karate and modern schools. 

http://www.karate.pl/differences_between_traditional_karate_and_modern_schools.php (04.05.2015)