Neues aus den Vereinen: Zu Besuch bei Shotokan Kyokai Berlin

IMG_0618.JPGShotokan Kyokai, November 2015: Man spricht (nicht nur) deutsch. Da, wo Mitte so richtig Mitte ist, wo selbst im Novembernieselwetter die Touristen am Abend auf den Straßen herumschleichen und die jungen Frauen mit den großen Ausschnitten und den sehr engen Hosen flanieren, befindet sich eine zentrale Trainingsstätte des Vereins Shotokan Kyokai Berlin.

In den Räumen der privaten Metropolitan School gibt es in der 5. Etage eine geräumige Sporthalle und einen kleinen Gymnastikraum, in denen u.a. am Dienstag und Donnerstag ab 19:00 Uhr das Training der Beginner und Fortgeschrittenen stattfindet. Ein ziemlich idealer Ort für länger arbeitende Menschen, direkt nach dem Job abzuschalten bzw. umzuschalten - für Körper und Geist womöglich hilfreicher als eine Afterwork Party.
Das Training bei René Schinck verläuft sehr ruhig und strukturiert. Zunächst nimmt er sich eine halbe Stunde Zeit für die Erwärmung, Kraft- und Dehnübungen. Schon mal ein guter und herausfordernder Anfang.

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Das Karate wird mit der Grundschule eröffnet. Dabei können die Schwarzgurte der Gruppe ihr Karate perfektionieren, die Weißgurte werden dabei langsam in die Grundbegriffe des Sportes eingeführt. Später wird das Kumite in Partnerübungen gelernt, wobei René Wert auf die Feststellung legt, dass die jeweilige Technik das Aus des Gegners bedeuten muss (im Dojo selbstverständlich eher theoretisch).

Das Training wird mit dem Laufen und Üben verschiedener Kata abgeschlossen. Wie bereits vorher im Training wird René dabei von Ali Camara assistiert. Das ist hilfreich, wenn eine Gruppe von „weiß“ bis „schwarz“ trainiert wird. Vorteilhaft ist, dass die Youngster sich viel von den Könnern abgucken können und sehen, wie Karate wirklich auszusehen hat, andererseits erhalten die Fortgeschrittenen die Förderung, die sie benötigen.

Und die Trainer? Der heute 45 jährige René fand über Filme und die japanische Kultur zum Karate, womit er 1985 begann. Er hatte auch ein Studium der Japanologie in Erwägung gezogen, welches zusammen mit einem Kunststudium eher zu einem beruflichen Nebenschauplatz geriet. Seinen Studienabschluss absolvierte René in Erziehungswissenschaften und Geschichte. Im Privatleben blieb Japan jedoch die Nummer 1: René konnte das Herz einer japanischen Frau erobern und sie zur Ehe bewegen.

Heute sehr ungewöhnlich ist, dass René erst nach vier Jahren seine erste Gürtelprüfung bei Fodé Cissé absolvierte. Ungewöhnlich, weil Prüfungen doch eher schneller angestrebt werden, aber auch, dass ein Shotokaner von einem Wado-Prüfer geprüft wird. Ich nehme mal an, dass man nach vier Jahren Training in jeder Stilrichtung seinen Gelbgurt schafft. 1990 besuchte René Freunde in London und erlebte mit Enoeda den ersten japanischen Karateka life. Damit war die Sache klar und René reiste immer wieder zu Lehrgängen in London. Im Jahr 2000 folgte dann endlich die erste Japanreise, ein Erlebnis, welches nun regelmäßig wiederholt wird.

Vor 10 Jahren gründete René zusammen mit Freunden der Verein Shotokan Kyokai, damit eigenständig und flexibel gestaltet werden kann. Seit etwa drei Jahren ist nun auch Ali Camara mit an Bord. Nachdem er seiner Frau nach Berlin folgte, musste ganz schnell ein Karate-Verein gefunden werden, der seinen Vorstellungen entsprach. Bei Shotokan Kyokai fand er eine neue sportliche Heimat. Alis Heimat von Geburt ist Frankreich, eine Wurzel reicht nach Mali, wo Alis Vater gebürtig ist. Sportlich entwickelte sich Ali von Judo über Fußball zum Karate, wo er schließlich mit 17 Jahren seinen sportlichen Platz fand. Animiert durch Bruce-Lee Filme begann sich Ali dank dem Karate zu strukturieren. Früher erlebte er sich als ängstlich und hyperaktiv, hat sich dann aber durch den Sport zu konzentrieren gelernt. Ursprünglich ein Kase-Schüler, orientiert sich Ali inzwischen intensiv zum Kobudo und setzt sich mit der Philosophie des Karate auseinander. Dem Klischee als Franzose wir er zu 100 Prozent gerecht. Kommt das Gespräch mit ihm auf das Thema „Essen“ möchte selbst eine eingefleischte Nichtköchin wie ich mit ihm stundenlang am Herd gemeinsam köcheln und natürlich futtern, futtern, futtern.

Das war nun ein Momenteindruck aus dem Training in Mitte und Gesprächen mit René und Ali, der Verein ist ebenfalls in anderen Trainingsstätten aktiv und bietet auch Kindertraining an. Es gibt gemeinsame Wettkampffahrten, Trainingslager und Feiern, also alles, was man sich so von einem Verein wünschen kann. Also: reinschauen, mitmachen, da bleiben.

Brigitte Benjes