Neues aus den Vereinen: Zu Besuch beim ACB

„Mensch, wie haste dir verändert“ - war nicht der erste Gedanke, der mich überfiel, als ich diesmal die U-Bahn verließ und die Halle in der Maxie-Wander-Str. nach sechs Jahren wieder sah. Unterwegs hörte ich einen ca. 11jährigen Jungen seinen Freundinnen erzählen, dass er 100 € Taschengeld monatlich hätte. Glückliches Kind? Da staunte der Laie, wunderte sich über den Wohlstand, der hier offenbar ausgebrochen ist und sich so wenig nach außen zeigt. Hellersdorf ein Synonym für Understatement?

Es macht mich schon sauer, wenn ich sehe, unter welchen Bedingungen in einem ziemlich reichen Land unsere Kinder und Jugendlichen zur Schule gehen müssen und ihr Training absolvieren müssen. Permanent wird über unser Bildungssystem geschwatzt, aber die Ausgestaltung unserer Bildungsinstitute macht eine sehr geringe Wertschätzung unserem Nachwuchs gegenüber klar. Nun gut, ich will nicht zu viel meckern, wahrscheinlich ist der Verein sehr froh und dankbar, mindestens über die Jahre hinweg eine kontinuierliche Trainingsstätte zu haben, die im Übrigen innen einen recht gepflegten Eindruck macht.

Karate auch mal im Fernsehen

Auslöser für den heutigen Vereinsbesuch waren Filmaufnahmen für eine Doku Soap und da unsere schöne Sportart sich sonst keiner großen medialen Beachtung erfreut, wird eine solche Begebenheit zu einem kleinen Ereignis. Außerdem ist es sowieso höchste Zeit, zu schauen, was sich in unseren Vereinen so tut.

Eine große Veränderung hat sich in der Zwischenzeit bei der Vereinsvorsitzende Kathrin ergeben. Inzwischen ist sie verheiratet, aus K. Mews, wurde K. Brachwitz und Freude über Freude, sie ist seit gut zwei Jahren Mutter einer sehr, sehr niedlichen und lustigen Tochter. Somit befindet sich Kathrin im Status einer voll berufsstätigen Mutter, nimmt weiter ungebrochen ihre Vereins-und Verbandsaufgaben wahr; hinzugekommen ist Ihre Tätigkeit als Kassenprüferin beim DKV und der Vorsitz der Präsidentenversammlung beim Landessportbund. Ich staune immer wieder, wie sie das alles so prima hinbekommt.

In der Zeit ihrer Präsidentschaft des BKV wachsen unsere Mitgliederzahlen langsam aber stetig, es arbeitet ein bezauberndes Präsidiums- und Referententeam in bestem Einklang miteinander, und die Zusammenarbeit ist, nach allem, was ich beurteilen kann, von gegenseitigem Respekt, Freundlichkeit und Harmonie geprägt. Unvermeidliche, gelegentliche Missverständnisse bzw. Unstimmigkeiten werden sofort und ganz unbürokratisch geklärt. Die Belange eines jeden Verbandsmitgliedes werden erst genommen und man versucht, jedem gerecht zu werden.

Ein Trainer ist kein Alleinunterhalter

Der heutige Vereinsbesuch verlief durch die Dreharbeiten ein wenig unruhig. Sehr gefreut hat mich das Zusammentreffen mit einer jungen Frau, die endlich die Ausbildung aufnehmen konnte, die sie sich lange gewünscht hat und zu sehen, wie aus dem Teenager, den ich einige Zeit nicht gesehen hatte, ein erwachsener, sehr verständiger Mensch heranwächst.

Später hatte ich Gelegenheit, an einem Trainingsbeginn der besonderen Art teil zu haben. Heiko Kuppi saß mit der Trainingsgruppe im Kreis und es wurde über Misstimmungen gesprochen, die offenbar in der letzten Stunde entstanden waren. Ausgangspunkt muss etwa gewesen sein, dass Heiko sich etwas verspätet hatte und die Schüler die entstandene Wartezeit für vieles genutzt hatten, was alles sehr wenig mit Karate zu tun hatte. Obwohl Verdruss auf beiden Seiten der Ausgangspunkt war, fand ich die gewisse Stille, die sich plötzlich in dem ganzen Gewusel einstellte, beeindruckend. Toll fand ich auch, dass aus dieser Begebenheit die Fragen abgeleitet wurden, was jeder für sich beim Training wünscht, wie diese Wünsche umgesetzt und formuliert werden, wie man diese Erwartungen zusammen mit der Trainingsgruppe umsetzt und auch den anderen gerecht wird.

Budo: Arbeit am Selbst

Heiko machte klar, dass er nicht Alleinunterhalter der Gruppen sein möchte, sondern ihr Karatelehrer. Dabei wünscht er sich Selbstverantwortung, Mitdenken und Eigeninitiative und das nicht nur im Dojo. Budo ist für ihn nicht nur das Lernen bestimmter Karatetechniken, sondern auch das Arbeiten an sich in jeglicher Hinsicht. Ich weiß nicht, was die Schüler in diesem Moment dachten, ich war äußerst angetan von Form und Inhalt des Gespräches. Das klingt in der Kürze vielleicht alles nach Karate-Binsenweisheiten, die überall verfolgt werden, aber dass am konkreten Fall der Bezug in dieser Weise hergestellt wird, habe ich noch nicht erlebt.

Ein praktisches Beispiel für Eigeninitiative und Selbstverantwortung fand ich dann auch gleich wieder beim Schwatzen vor der Halle mit verschiedenen Kleindarstellern aus der Dokusoap: Eine ältere Dame (später erfuhr ich, dass sie 70 Lenze zählt) berichtete, dass sie ihre Liebe zum Film entdeckte als sie auf Rente ging. Also bewarb sie sich als Statistin und ist seitdem viel in Sachen „Dreh“ unterwegs. Anstatt wie viele andere ihr Sofakissen ins Fenster zu legen und die Straße zu beobachten ist sie lieber selbst aktiv geworden und dabei offenbar sehr fröhlich und vergnügt.

Meine Erfahrung vom heutigen Tag: Die beste Reality gibt es im Leben und nicht im TV und da beim Athletic Club immer eine Menge los ist, darf man sich jetzt schon auf das 25jährige Jubiläum im nächsten Jahr freuen, bei dem Shahrzad Mansouri ein Highlight sein wird.

Brigitte Benjes