Neues aus den Vereinen: Ein Besuch bei Kiai - Sport und Selbstverteidigung für Frauen und Mädchen

Kiai_Gruppenfoto.JPGFrauen am Rande des Nervenzusammenbruch findet man hier nicht. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Ein entspannteres Training habe ich kaum irgendwo erlebt. Bärbel Düsing präsentiert sich und ihre Frauen-Trainingsgruppe in Bestlaune und beim Trinken nach dem Training wird mir versichert, dass das nicht die Ausnahme sei, sondern die Regel.

Während des gesamten Trainings, welches alle Elemente von Dehnen, Strecken, Kraftübungen, Grundschule bis zu Kumite-Übungen enthält, wird gelacht und äußerst kollegial miteinander umgegangen. Von weiß bis schwarz sind alle Gürtelfarben vertreten und eine junge Frau im Probetraining tummelt sich auch mit auf der Matte. Jede hilft jeder, es wird gegenseitig korrigiert, gezeigt, geholfen. Bärbels zwischenzeitliche Hinweise, dass sich jede nur so weit belasten solle, wie es ihr möglich erscheint, wirkt nicht obligatorisch, sondern ganz ernst. Es gibt hier keine Atmosphäre von schneller, höher weiter, sondern die eines intensiven Miteinanders.

Das ist das, was man während des Trainings spürt und auch im anschließenden Gespräch mit den Teilnehmerinnen bestätigt bekommt. Das gemeinsame Training aller Graduierungen wird als Vorteil gesehen - natürlich weil die Neulinge von den erfahreneren Frauen lernen können, aber auch weil das eigene Können beim Erklären immer wieder abgerufen und hinterfragt werden muss.

In dieser Gruppe scheint auch Stressabbau ein wesentliches Kriterium für den Sport zu sein. Eine Frau meint, sie habe im Beruf genug Stress, da werde in der Freizeit die Entspannung gesucht. Eine Mutter von drei Kindern, die durch ihre Tochter zum Karate-Training kam, freut sich auf die Trainingszeiten, weil das ihre Zeit für sich selbst ist, in der niemand etwas von ihr will und in der sie sich ausschließlich Gutes tut. Als Qualität in dieser Trainingsgruppe wird auch gesehen, dass man Fehler machen darf. Niemand mokiert sich oder schaut schräg und das gibt die Möglichkeit, immer und immer wieder zu probieren, bis der Erfolg sich einstellt und der Fehler korrigiert ist. Das wird als nützliche Perspektive auf Alltagssituationen gesehen, in denen es auch nicht hilfreich ist, nach jedem Fehler aufzugeben, sondern immer wieder aufs Neue Versuche zu unternehmen. Klingt zwar nach einer Binsenweisheit, jedoch nehmen sich Erwachsene Fehler meist sehr übel. Kinder, die Laufen lernen, praktizieren das ständig: einige Schritte gehen, hinfallen, aufstehen, weiter... Kiai_Mdchentraining.jpg

Eine andere Frau aus der Gruppe konnte im Verein ein ganz neues Körpergefühl entwickeln. Als frühere Asthmapatientin wurde ihr vom Arzt vermittelt, dass sie größere körperliche Anstrengungen zu meiden hätte. So unsicher, dass ihr U-Bahn – Fahren kaum möglich war, aber immer schon fasziniert von Kampfsport, probierte sie es schließlich doch mit Karate und ist immer wieder überrascht über ihre eigenen Fähigkeiten.  Gerade steht sie im Begriff, eine Wanderreise mit Huskies in Lappland zu unternehmen.
Nach dem speziellen Vorteil einer reinen Frauen-Trainingsgruppe befragt, sind sich alle einig, dass man sich freier bewegen würde. Groß, klein, dick, dünn würde hier keine Rolle spielen, jede fühlt sich so angenommen wie sie ist. Bärbel vertritt außerdem die Ansicht, dass im Training in mancher Hinsicht bei Frauen und Männern genau entgegengesetzte Akzente gesetzt werden müssten. Während Frauen sich oft weniger zutrauten und Ermutigung von außen bräuchten, müssen Männer in ihrem Überschwang mitunter eher gebremst werden.

Auch seien die Trainingsziele nicht selten anders gewichtet. Während Frauen eher Entspannung suchen, sehr gesundheitsbewusst trainieren wollen und sehr technikorientiert sind, stellen Männer häufig Leistungssteigerung in den Vordergrund, gelegentlich auch gerne über gesundheitlich sinnvolle Aspekte hinaus.

Über die Eindrücke des abendlichen Trainings und des anschließenden Gesprächs wäre fast ein ganz wichtiges, vielleicht das Hauptanliegen des Vereins untergegangen: Kiai ist Stützpunktverein des Landessportbundes Berlin im Programm „Integration durch Sport“. Entstanden ist das aus der Kooperation mit dem Mennonitischen Friedenszentrum und dessen Stadtteilarbeit in Neukölln. Im Rahmen der Gewaltprävention wurde eine Mädchengruppe gegründet, die Selbstverteidigung erlernt und vor allen Dingen, Gewaltsituationen richtig einzuschätzen.

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