"Moment und Erlebnis": Ein Lehrgang mit Bundestrainer Efthimios Karamitsos in Berlin

k6.JPG"Den Körper ordnen", "das Wort leitet die Technik", "das Erlebnis der Technik liegt im Abschluss" ... Lehrgänge bei Efthimios Karamitsos sind immer auch Lehrgänge im Zuhören und Nach-Denken. Was für den Kopf, und nicht nur für den Körper. Auch am 10. Dezember bildete der Lehrgang mit dem Bundestrainer bei DOKAN wieder den großartigen Abschluss des Shotokan-Kalenders 2011 in Berlin.

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Man muss schon genau hinhören und hinschauen, wenn Karamitsos erklärt, was für ihn Karate ist. Auch an diesem Samstag in Berlin-Buch gibt es diese typischen Sätze von ihm. "Heute ist der Moment das Thema!" Der Moment? Ja, der Moment des Abschlusses einer Technik. Wie erlebe ich ihn? Kann ich diesen Moment trainieren, so dass die Technik wirklich ihren bestmöglichen Abschluss findet?

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Vermutlich findet Karamitsos nichts so langweilig (und sinnlos) wie stumpfes Ausführen der ewig gleichen Techniken. Gut, auch seine Trainingseinheit für die Oberstufe fängt mit Choku Zuki im Shizentai an. Klingt nicht besonders aufregend. Aber seine Anweisung dazu lautet, diese elementare Technik bei jeder Ausführung von einem anderen Wort leiten zu lassen: Leise, laut, aggressiv, verkrampft ... k9.JPGUnd was passiert dabei? Klar, es ist immer ein Choku Zuki. Aber jetzt löst man mit dieser Technik eine jeweils andere Aufgabe: Leise zu sein, aggressiv zu sein, verkrampft zu sein. Wenn man diese Aufgaben dann gelöst hat, und man wieder einen sozusagen "reinen" oder auch "leeren" Zuki machen darf, fühlt sich das plötzlich ganz anders an – gelöster, direkter, irgendwie klarer. Als hätte man einen Spiegel gereinigt und sähe sich wieder ganz deutlich. Die Technik wird wieder zum Erlebnis. Ist das der gesuchte Moment?

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Dieses Prinzip des Reduzierens aufs Wesentliche setzte Karamitsos dann mit Elementen aus der Kata Jion fort. Zunächst herausgelöst und im Kihon vertieft, dann angewendet am Partner. Die Kenntnis der Kata wird natürlich vorausgesetzt, auch das abschließende Üben der ganzen Jion dient nur noch der Festigung des Gelernten und der Vertiefung einiger spezieller Aspekte der Kata. Etwa ob die drei Teisho-Ukes der Jion eher als Block oder als Angriff ausgeführt werden sollen. Karamitsos empfiehlt ihre Ausführung als Uke-Waza, "auch weil es schwieriger ist". Dann machen wir das in Zukunft auch so!

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"Macht die Hüfte lang!" – die zweite Einheit der Mittelstufe hatte den Hüfteinsatz zum Schwerpunkt. Zunächst wurde das im Stand mit Partner geübt – schnelle Wendungen im Stand, rein zum Partner, raus und weg vom Partner. Es kommt einem so ein anderer Satz von Karamitsos in den Kopf – "Ob einer Karate kann, hängt für mich davon ab, ob er seinen Körper einsetzen kann". Man konnte das an dieser Einheit sehr schön beobachten, wenn man etwa die Gelbgurte mit den Kata-Spezialistinnen verglich, die ein paar Meter daneben standen. Karamitsos ließ das DKV-Team, das gerade bei der Junioren-WM in Malaysia den fünften Platz erreicht haben, die Heian Sandan vorführen. Aha, so soll das also aussehen ...

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.Auch in der letzten Einheit blieb Karamitsos seinem Prinzip treu, altbekannte Übungen so aufzufrischen, dass sie ein neues Erleben der geübten Techniken ermöglichten. Kaeshi Ippon Kumite – klar, tausendmal gemacht, vor, zurück, Konter – Yamae! Aber was macht man, wenn der Partner dabei seitlich rausgeht oder gar eine Drehung macht? Ist immer noch Kaeshi – und dennoch völlig anders. Jetzt muss man viel genauer beobachten, wie der Gegner auf den Angriff reagiert, wie er sich bewegt und wie er dann wieder mich angreifen wird. Das war höllisch anspruchsvoll, aber wie Karamitsos sagte: "Partnertraining ist nicht körperliche Auseinandersetzung, sondern Training der Achtsamkeit für meinen Gegner." Beobachtungstraining sozusagen. Das verlangte noch einmal höchste Konzentration am Ende dieses intensiven Tages.

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Man hatte danach das Gefühl, etwas verstanden zu haben. Lehrgänge bei Karamitsos haben diesen Effekt, dass sie nicht nur unser Karate besser machen. Das Erlebnis dieses Tages war vielmehr, dass Karate auch uns besser macht. Dafür wie jedes Jahr Dank an Efthimios Karamitsos, an das Team von Dokan als Ausrichter dieses Lehrganges und natürlich an Dokan-Chef Guido Wallmann.

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Und Glückwunsch an alle Kyu- und DAN-Prüflinge zu ihren neuen Graduierungen!

Gerald Wagner, BKV