Neues aus den Vereinen: Turne bis zur Urne – Jukurentraining im Berliner Sport Club

IMG_4237.JPGIch dachte, mein Preis wäre höher, doch als ich an diesem Mittwoch um 11 Uhr in Hohenschönhausen in der Sporthalle einen Kaffee angeboten bekam, hatte Siggi Gelz damit bereits meine Sympathien gewonnen. Viel wacher als der Kaffee macht allerdings die Sportgruppe, die da antritt. Zwölf Herren zwischen 55 und 79 bereiten sich auf ihr Training vor, teils durch ein erstes Aufwärmen, teils durch angeregtes Gespräch im wahrsten Sinn über Gott und die Welt.

Es wird darüber geredet, wie Siggi Gelz durch eine Vertretung das Interesse für Karate in der gehobenen Altersklasse wach rief, welche Entwicklungsmöglichkeiten das Karate in der DDR hatte und auch wieder nicht, Bischof Wölki, die Katholische Kirche und der Umbau in der St. Hedwigs Kathedrale, die Geburtstagsfeier zu Siggis Fünfzigsten, das Kleindarstellerdasein am Theater und und und ...

Genau so zügig wie das Gespräch zu Beginn ging es dann ins Training weiter. Gemeinsames Aufwärmen, dann macht Siggi die Durchsage, welches Thema am heutigen Tag dran ist: Der Faustrückschlag ist Schwerpunkt. Es wird 1. durch viele Wiederholungen geübt, 2. unter verschiedenen Umständen geübt und 3.  Kombinationen werden probiert.

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Ich fand, dass diese Ansage sehr hilfreich zum Verstehen der gesamten Trainingseinheit ist. Hohe und niedrigere Gurte werden zusammen aufgestellt, man lernt miteinander. Koordination und der Wechsel von Spannung und Entspannung stehen immer im Mittelpunkt des Trainings. Siggi selbst zeigt seine Techniken schön und präzise, in dem ruhigen Training wird viel Wert auf die klare Ausführung der Grundtechniken gelegt.

Im Vorgespräch mit der Gruppe wurde Siggi als begnadeter Pädagoge gelobt, was sich im Training bestätigt. Seine Anweisungen sind klar, deutlich und zugewandt, er geht intensiv auf alle Teilnehmer ein. Siggi spricht seine Anweisungen vor und lässt sie teilweise durch die Teilnehmer während der Übungen laut wiederholen: Drehung links, Wechselschritt. Mir gefällt das und es scheint mir sinnvoll zu sein, da wir doch viel durch die Sprache leben.

Als ein Sportler laut zu sich sagt:“ das war falsch!“, antwortet Sigi: „deswegen helfe ich dir ja.“ Das alles geht sehr ruhig und selbstverständlich. Schön auch die Bereitschaft der Gruppe, sich auf anfängliches Nichtwissen und Lernen einzulassen in einem Alter, in dem sich viele auf ihren reichen Erfahrungsschatz zurückziehen. Sich nicht nur mit seinem erworbenen Wissen zurücklehnen, sondern noch einmal Schüler zu werden, dazu gehören Mut und ein einfühlsamer Lehrer.

Karate war für alle in der Gruppe neu, wobei viele aus anderen Sportarten kommen. Judo, Handball, Bergsteigen werden genannt. Die Gründe für das Erlernen unserer schönen Sportart sind vielfältig: Einer kämpft mit dem Sport gegen seine Rückenprobleme an, der nächste fand, er müsse nach seiner früheren Büroarbeit körperlich etwas für sich tun, man entwickelt ein Zusammengehörigkeitsgefühl in der Gruppe, es geht allen nach dem Training immer besser als vorher, man möchte Fortschritte machen und immer neue Aspekte das Karate kennenlernen. Da scheint Siggi Gelz der richtige Lehrer zu sein, er hat immer neue Ideen, mit denen er seine Gruppe motiviert. Da er hauptberuflich als Trainer arbeitet, gibt es auch keine Wechsel bei den Trainern, was allen sehr wichtig ist und sollte er ausnahmsweise verhindert sein, können sich die Jungs locker auch mal alleine über den Tag retten. So weit sind sie allemal. Die Gruppe hat viel eigenes Potential, ich bin mir aber sicher, dass Neuzugänge mit Begeisterung integriert werden.
Brigitte Benjes