"Ishin Denshin" - Ein Lehrgang mit Samad Azadi beim SKB 

Samad_neu.jpgSamad Azadi, 5. Dan Shotokan und Kumite-Vizeweltmeister von 1998, war am 5. und 6. Mai wieder in Berlin beim Shotokan Karate Berlin e.V. Wie immer verlangte sein Training von den Teilnehmern höchsten physischen Einsatz und volle Konzentration. Dennoch - oder eigentlich genau deshalb freuen wir uns schon wieder auf nächstes Jahr im Mai mit Samad in Berlin!

Jeder Karate-Lehrgang ist anders. Aber vielleicht gibt es im Großen und Ganzen zwei Arten von Lehrgängen – "Lern-Lehrgänge" und "Test-Lehrgänge". Bei Lehrgängen, wo das Erlernen neuer Inhalte im Vordergrund steht, geht es um Neues: Eine neue Kata, anspruchsvolles Bunkai oder noch nie trainierte Kumite-Formen. Bei den Test-Lehrgängen dagegen kann man herausfinden, ob man bereits Erlerntes auch noch unter ganz anderen Bedingungen beherrscht. Man kann da sich selbst testen, ob man etwas wirklich kann.training_neu.jpg 

Der Lehrgang von Samad Azadi an diesem Mai-Wochenende in Berlin war so ein Lehrgang. Sicher, es gab auch eine Einheit Technik-Training zum Ushiro-Geri. An sich keine neue Technik, aber Azadis Training bot andere Übungsformen zu dieser schwierigen Technik an, stellte andere Zugangsweisen vor und alternative Lösungsvorschläge für die üblichen Probleme bei der korrekten Ausführung des Ushiro-Geris. Variationen des Absetzens, des Eindrehens und auch von Konterformen. 

Kumite unter Stress

Pratzen_neu.jpgAber der Schwerpunkt des Lehrgangs waren dann doch Einheiten, die jeden Teilnehmer an die Grenzen seiner Belastbarkeit führen sollten. Kumite unter Stress sozusagen – Tempo, Dynamik, Dauer, Partnerwechsel: Alles länger, intensiver und konsequenter als in einem normalen Training. Wie geht das und was braucht man dazu?

Zunächst mal einen Trainer, der das kann. Samad Azadi, 5. DAN Shotokan, Vize-Weltmeister im Kumite von 1998, vereinigt in seiner Person gleich mehrere Eigenschaften, die ihn zu einem herausragenden Trainer machen: Unendlich viel Wettkampferfahrung, die pädagogischen Fähigkeiten eines Sportlehrers, und die physische Fitness, seine Trainingsinhalte auch selbst am besten vorführen zu können. Man merkt einfach, dass dieser Mann gewohnt ist, Lehrpläne zu haben und sich auch danach zu richten: Karatetraining mit Didaktik, aber ohne Dogmatik. 

Davon geprägt war gleich die erste Kumiteeinheit der Oberstufe: Zum Aufwärmen die Heian Shodan mit Fußtechniken, dann Kumite mit Partner, verschiedene Techniken im Wechsel (mehrere Varianten, Tori greift an, Uke weicht aus, Tori greift an Uke - weicht aus und kontert, dazu Kicks und viele Wechsel); Tori greift mit schnellen Kombinationen an, Uke blockt ganze Halle quer rüber und dann zurück und Rollentausch (2x!). Abschließend dann in 5er Teams: Jeder kämpft 4 mal eine Minute, also für jeden acht Kämpfe, die anderen absolvieren gleichzeitig jeweils für eine Minute eine Krafteinheit zur Aktivierung der Hauptmuskelgruppen. Also kämpfen, ackern am Boden, wieder kämpfen, wieder runter ... Maximalbelastung für jeden. 

Schnelle Kombinationen an der Pratze

Auch am nächsten Tag die Fortsetzung des Kumite-Trainings für Mittelstufe und Oberstufe. Das Schöne daran ist ja, dass man sich dabei auch auf einige Kombinationen beschränken kann, die einfach jeder beherrschen sollte. Z.B. Mawashi-Geri Chudan: Wie fühlt sich der an, wenn man schnell hintereinander davon 55 macht? Mit rechts, auf die Pratze, angefangen mit einem Geri, dann zwei, dann drei ... bis zehn? Und dann noch das andere Bein? Natürlich sollen solche Übungen dazu führen, dass man sich richtig auspowert. Aber durch das Fehlen des Kihon-typischen Arretierens dieser Techniken ist es eher ein "weiche" Ermüdung, die auch zu einer maximalen Lockerheit der Muskulatur führt. Dafür, sagt Azadi, ist Pratzentraining genau das richtige. Die Ermüdung danach fühlt sich einfach gut an, fast leicht und entspannt. 

Eine entsprechende Übung prägte auch die gemeinsame Einheit am zweiten Tag: Zunächst wieder Pratzentraining mit Uraken, dann Uraken-Gyaku Tsuki, und schließlich Mawashi Geri Chudan mit den beschriebenen Sets von 1-10 Kicks. Danach Hizageri für anderthalb Minuten und einem beweglichen Partner, und schließlich die letzte Übung des Lehrgangs: Mawashi Geri Chudan auf Pratze, dann Sprint weiter zum nächsten Partner (immer Auslage wechseln) am Ende ein langer Sprint durch die ganze Halle wieder zurück, das Ganze 3mal, dann Wechsel an den Pratzen. Das sah dann so aus, dass sich die Meute sozusagen austobte – Azadi ließ das einfach mal laufen. Zum Abschluss ein Cool Down mit Atmungsregulation und Handgelenksform.

Massage - Dank an den Körper

"Ishin Denshin", erklärte Azadi zur Einstimmung auf diese Einheit, bedeutet eigentlich "von Herzen zu Herzen". Im übertragenen Sinn bezeichnet sie aber auch eine bestimmte Form der zwischenmenschlichen Begegnung, die von gegenseitigem Verständnis ohne wortreiche Erläuterungen geprägt ist. Azadi ließ diese Einheit darum mit einer Massage beginnen – man gibt, man empfängt. Aber auch eine ganze Trainingseinheit sollte von diesem Prinzip geprägt sein. Das kann so weit gehen, dass der Trainer gar nicht einzugreifen braucht. Man muss dabei aber voraussetzen, dass er darauf vertrauen kann, dass die Trainierenden schon wissen, was sie zu tun haben. Das ist natürlich gerade beim Kumite-Training alles andere als selbstverständlich. In diesem Fall klappte das ganz hervorragend, was natürlich auch daran liegt, dass der Lehrgang von Samad Azadi beim SKB (und umgekehrt der Lehrgang von Joachim Grupp bei Azadi in Hamburg) schon eine gewisse Tradition hat. Und darum ist es auch ausgemacht, dass wir uns auf den nächsten Besuch von Samad im kommenden Mai schon jetzt wieder freuen können. 

Zum Schluss noch eine Anregung von Samad: Die Inhalte seines Lehrgangs stellte er dankenswerterweise auf die Facebook-Seite des SKB zum Nachlesen und Vertiefen des Gelernten. Eine schöne Geste und noch ein tolles Beispiel für "Ishin Denshin". 

Gerald Wagner, Pressereferent BKV