Helga Balkie - ein Portrait

45770688_10218325838642335_4746369904997826560_n_1.jpgDer Hattrick ist gelungen - nach ihren ersten beiden Titeln von 2014 und 2016 ist Helga in der Disziplin Kata Einzel Menschen mit Sehbehinderung wieder souverän Weltmeisterin geworden. In Madrid setzte sie sich im Finale gegen ihre Gegnerin aus Brasilien durch. Wer ist Helga Balkie? Ein persönliches Portrait von Brigitte Benjes

Lernt man Helga kennen, dankt man immer, dass sie sowieso alles kann. Oft auch besser als andere Menschen.

Mit ihrem Blindenstock bewegt sie sich mit anscheinend absoluter Sicherheit auch über fremdes Terrain. So durfte ich Helga nach der WM in Bremen zum Bus hinterherlaufen, nachdem ich den Auftrag erhielt, sie zu begleiten. Das hatte ich mir anders vorgestellt. Also irgendwie leitender, führender. 

Ein anderes Erlebnis der besonderen Art mit Helga hatte ich auf einer Dojo-Baustelle. Dort hat sie die Dämmplatten ausgemessen und geschnitten. Das tat sie sehr versiert. Als wir dann vor einer Wand standen, auf der bereits Dämmplatten befestigt waren, erörterte Helga mir, wie weiter vorzugehen wäre. Ich überlegte dann auch mal und konnte der richtigen Einschätzung nur noch zustimmen. 

Sie hatte sich also aufgrund der Maße und der Gegebenheiten ein inneres Bild hergestellt, bzw. errechnet. Ein inneres Bild scheint bei Helga gut zu funktionieren. Das Bild als „Sehende“ bereitete ihr schon seit der Schulzeit Probleme. Räumliches Sehen und das Einschätzen von Entfernungen fielen ihr immer schwer. Das waren scheinbar die ersten Anzeichen der Multiplen Sklerose. 

Helgas Eltern waren sich schon früh der Erkrankung der Tochter bewusst, ließen sie jedoch ziemlich ungehindert ihren sportlichen Interessen nachgehen, die da waren: Eiskunstlauf, Leichtathletik, Volleyball, Judo und Karate. Lediglich einer Leistungssportkarriere widersetzten sie sich.

Erst mit 19 Jahren wurde Helga nach einer Bewusstlosigkeit mit ihrer Krankheit konfrontiert. Den weiteren Lebensweg schien das nicht zu beeinflussen. Nach einer Ausbildung am Polytechnikum holte sie in der Abendschule das Abitur nach und begann nach ihrem Studium eine Laufbahn im öffentlichen Dienst. 1978 bekam sie eine Tochter und 1987 einen Sohn. Wie in der DDR üblich arbeitete sie durchgängig weiter. 

Einen jähen Einschnitt erfuhr dieses Leben am 18.05.1997- einem Pfingstsonntag -als Helga sich mit ihrem Sohn Tobias auf der Rückfahrt von einem Ostseeurlaub befand. Sie erblindete plötzlich und musste nach Rostock ins Krankenhaus. 1998, im Alter von 40 Jahren wurde sie berentet.

Man darf annehmen, dass eine Horrorzeit folgte. Von ihren Freundschaften blieb nur noch eine übrig, die Krankheit wurde offenbar als Makel empfunden. Das Jugendamt wollte ihr den Sohn wegnehmen und die gesamte Lebensführung einschließlich Lesen und Schreiben musste neu erlernt werden. Mit Tobias gemeinsam absolvierte Helga ihr Mobilitätstraining und das Training der lebenspraktischen Fähigkeiten, wozu z.B. auch das Kennzeichnen von Socken gehört. Nach etwa drei Jahren hatte Helga wieder einigermaßen die gewohnte Sicherheit im Leben zurück. Das ändert nichts daran, dass sie, wenn sie unterwegs ist, die Konzentration immer auf dem höchsten Level halten muss. Man sagt wohl auch, dass 5 Stunden, die ein blinder Mensch unterwegs ist, soviel Energie erfordert, wie sonst ein 8-stündiger Arbeitstag. Das ändert auch nichts daran, dass bestimmte Dinge wie selbstständiges Einkaufen nicht möglich sind (an dieser Stelle ein Hoch auf den guten alten Kaufmannsladen) und Busfahrten zu einem Abenteuerausflug werden können, wenn die Route mal eben ohne Ankündigung geändert wird. 

Helga hat es gelernt, auf sich selbst zu achten, sich vor Überlastung zu schützen und sich entzündungshemmend zu ernähren. So kann sie auch meist Krankheitsschüben vorbeugen, die sehr anstrengend sind.

2011 fand Helga beim Takuan im Athletik Club Hellersdorf eine neue sportliche Heimat und auch einen neuen wichtigen Mann an ihrer Seite: den Trainer Heiko Kuppi. Man darf annehmen, dass sich die beiden schnell in ihrem Leistungsbewusstsein fanden. Heiko verlangt gerne seinen Schützlingen alles ab, was möglich ist und vielleicht gerne noch ein klein wenig mehr. Wahrscheinlich lief er damit bei Helga offene Türen ein. Dass Helga nicht ausschließlich Karate lernt, sondern ständig an ihrer Fitness und Kraft arbeitet, ist klar. Helga und Heiko haben wie es aussieht, einen ruppig-liebe-und respektvollen Umgang miteinander gefunden, der für ihre Zusammenarbeit beflügelnd ist. Bereits 2012 legte Heiko Helga nahe, bei den Deutschen Meisterschaften für Menschen mit Behinderung anzutreten. Den Rest kennen wir: Bei der Weltmeisterschaft in Bremen errang Helga ihren ersten WM-Titel, bei der WM in Linz siegte sie zum zweiten Mal und nun holte sie in Madrid wieder den Titel gegen ein starke Gegnerinnen, die auch ihre Töchter und Enkeltöchter hätte sein können. 

Helga Balkie wird so lange weitermachen, wie ihr der Wettkampf Spaß macht. Es ist zu hoffen, dass das noch ganz lange der Fall sein wird, da sie für alle Sportler ein tolles Beispiel ist. Tiefs und Schwierigkeiten zu überwinden gehören zum Sport. 

Trotzdem wäre es ganz schön, wenn man von den zuständigen Verbänden dazu beitragen würde, den Parasportlern das Leben ein wenig zu erleichtern. Ihnen das Fitnessstudio zu finanzieren oder bei Wettkämpfen dafür zu sorgen, dass ihre festen Bezugspersonen um sie herum sein können, wäre schon ein kleiner Anfang. 

Brigitte Benjes