DKV-Kadertraining im Para-Karate

IMG_0206.JPGSüß-saure Sauce bestellte sich Heiko Kuppi zu seinem Mittagessen mit der Bemerkung, so sei er auch. Und so empfand ich sein Training mit unseren erfolgreichen Vertretern des Para-Karate im DKV. Aber vielleicht mal ganz von vorne: Am Wochenende vom 24. bis 26. August fand das erste Kadertraining für Para-Karate mit dem Para-Karate-Bundestrainer des DKV, Heiko Kuppi, in Berlin statt.

Folgende Teilnehmer waren zum Training gekommen:
Helga Balkie         LV Berlin            Blind
Sven Baum        LV Thüringen            Rollstuhlfahrer
Marvin Nöltge    LV Baden-Württemberg        Geistig behindert
Albert Singer        LV Baden-Württemberg    Geistig behindert
Michael Lesic    LV Baden-Württemberg        Geistig behindert
Nina Fell        LV Baden-Württemberg        Geistig behindert
Andreaa Nowak    LV Bayern                Geistig behindert

Das neue Dojo unserer Präsidentin Kathrin Brachwitz erwies sich für diese Premiere als absolut tauglich. Natürlich wurde die Sportstätte unter behindertengerechten Aspekten errichtet. Durch den nahe gelegenen S-Bahnhof  Kaulsdorf ist die Halle auch ohne Auto sehr gut erreichbar und in fußläufiger Nähe gibt es Unterbringungsmöglichkeiten für die Sportler und ihre Betreuer.

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Dieses erste gemeinsame Training unserer besten im Para-Karate diente zunächst dem genaueren Kennenlernen. Natürlich treffen sich die Sportler und ihre Betreuer/innen seit einigen Jahren immer wieder auf Turnieren und dabei hat sich bereits eine Gemeinschaft entwickelt. Hier ging es aber darum, dass der Bundestrainer in Gruppen- und Einzeltrainings die jeweiligen Stärken und Schwächen der Athleten erleben konnte und ebenfalls die Grenzen ihrer Belastbarkeit. So war auch von Heiko ein erheblicher Lernprozess gefordert und es ist ihm sehr bewusst, dass im Para-Karatebereich  ein noch größeres Einfühlungsvermögen notwendig ist als im Training mit nichtbehinderten Menschen.
Die bestehende Gruppe hat eine breit gefächerte Altersstruktur. Und was entscheidender ist: es gibt völlig verschiedene Arten von Behinderungen. Da gilt es bereits beim Aufwärmtraining zu überlegen wie man allen Beteiligten gerecht werden kann. Bei einigen Behinderungen, die z.B. durch Multiple Sklerose bedingt sind, kann es außerdem durch Krankheitsschübe zu starken Schwankungen der Tagesform kommen. Bei den geistig behinderten Menschen kann es erhebliche graduelle Unterschiede geben.

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Während der Zeit, in der ich für Fotos im Dojo geduldet wurde, fand ich  Heiko zuckersüß. Er schaffte eine Trainingsatmosphäre, in der sich offenbar alle Sportler wohlfühlten. Der saure Aspekt seines Trainings zeigte sich in klaren Leistungsanforderungen, die er allerdings sehr hübsch verpackte. Aber seine Haltung scheint klar: wenn man den Bundesadler auf dem Gi tragen darf, ist  das eine erworbene Ehre, die immer weiter verteidigt werden muss, indem man hart an sich arbeitet.

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Der nächste Schritt nach dem Training wäre üblicherweise, die Erkenntnisse des Bundestrainings an die entsprechenden Landestrainer weiterzugeben. Das wird nun nicht klappen, weil es im Para-Karate noch keine festen Strukturen gibt. Es wäre eine Aufgabe der Landesverbände zu überlegen, wie das Para-Karate besser entwickelt werden kann. (Wie sieht es überhaupt bei den Trainerausbildungen aus? Eine oder die andere Einheit zum Thema „Training für behinderte Menschen“ könnte eigentlich niemanden schaden?)
Nun gut, im aktuellen Fall wurde das Feedback aus dem Training per Video an die Heimtrainer der Athleten weitergegeben, was helfen soll, die Techniken auf längere Sicht noch mehr zu verbessern.

Heiko würde sich natürlich ein Perspektivkader im Para-Karate wünschen, bei dem man die Sportler bereits sehr zeitig auf internationale Wettkämpfe vorbereiten kann. Jedoch kann man exemplarisch in Berlin die Schwierigkeiten sehen, die es im Aufbau eines solchen Kaders gibt: Es werden relativ selten Anfragen von behinderten Menschen an den Verband herangetragen. Zur Zeit gibt es in Berlin eigentlich nur einen Verein, der mehrere behinderte Menschen in seinen Reihen und im üblichen Training hat und zusätzlich noch eine Trainingseinheit für ein besondere Trainingsanforderungen eingerichtet hat. Dieser Verein liegt an der östlichen Peripherie der Stadt und ist somit für Leute aus anderen Ecken der Stadt eher schwierig zu erreichen. Wir haben in der Stadt zwar eine gute Verkehrs-Infrastruktur, jedoch am Nachmittag/Abend mehrfach in der Woche längere Wege für  die Trainings in Kauf zu nehmen, kann für die Angehörigen der behinderten Menschen schnell zur Überforderung werden, zumal sich bereits der ganz normale Alltag anstrengend gestalten kann.

Erschwert wird die gezielte Förderung von behinderten Menschen gelegentlich durch die Inklusionsbemühungen, die allseits stattfinden. Diese Bestrebungen werden während unseres Gesprächs im Vorraum des Dojos durchaus zwiespältig gesehen. Ein behinderter Mensch ist nicht weniger behindert, auch wenn man ihn in eine „Normalo-Gruppe“ steckt. Da Gruppen offenbar die Neigung haben, eine Rangordnung herzustellen, hat man als behinderter Mensch gleich qua Geburt eine Super -Chance, garantiert den letzten Platz einzunehmen. Eine Erfahrung, die als Dauerzustand nicht gut tut. Eine Ausgrenzung bleibt vielfach bestehen. Gleichzeitig  sinkt bei dem Lehrermangel, den wir in allen Bundesländern ganz überraschenderweise zu beklagen haben, innerhalb einer Schulklasse die Chance auf eine wirklich qualifizierte, individuelle Förderung. Es wäre manchmal doch einfacher, behinderten Menschen viele Möglichkeiten zu bieten, wenn sie längere Zeit am Tag miteinander verbringen würden.

Dieser kleine Exkurs zeigt, was bei einem Kadertreffen ebenfalls passiert. Es findet ein reger Erfahrungs-und Meinungsaustausch statt und man ahnt, was bereits bei der Integration von behinderten Menschen süß bzw. gelungen ist und wo es noch viel Saures und Bitteres gibt.
Die Kennlernphase wurde mit einem Ausflug in die Gärten der Welt vertieft und wir können alle froh sein, dass unsere erfolgreichen Athleten wieder aus dem Pflanzenlabyrinth herausgefunden haben.

Immerhin sind für  2019 fünf Kadertrainingstermine geplant: Eine Übungseinheit soll es im Januar geben, eine zu den Berlin Open im Februar, eine zu den Europameisterschaften im März, eine zu den Barvarian Open im Mai und eine weitere Einheit im Oktober.

Brigitte Benjes