Die Ausbildung zum DKV-Karatelehrer: Ein Bericht aus der Praxis

tsuki1.jpgDurch vielfältige Variationen und Änderungen bekannter Abläufe im Training entstehen auch für sehr erfahrene Karateka neue Bewegungsmuster. Über diese Erfahrungen hinaus sollten Trainer in ihren Trainingseinheiten eigenständig Übungen entwickeln, um den Zielbereich der jeweiligen Technik erfolgreicher zu bearbeiten. Bundestrainer Efthimios Karamitsos und Prof. Wolfgang Schöllhorn zeigten in einem Seminar der Deutschen Dan-Akademie, wie das in der Praxis gelingen kann.

BKV-Vizepräsident Bernd Hartlieb und Lutz Brodmeier vom BGV Berlin haben an diesem Seminar der DDA zum Karatelehrer II am Sportinstitut der Uni Mainz teilgenommen. Lutz hat uns dazu folgenden Bericht geschrieben:

"Im Sport werden klassischerweise Techniken erlernt, indem eine vorgegebene Bewegung häufig wiederholt werden muss, um sich einschleifen zu können.  Abweichungen von dieser Idealform werden als Fehler interpretiert. Eine kontinuierliche Korrektur der Bewegungsausführung soll zur Fehlervermeidung  und zur idealen Bewegung führen. Das gilt für den Fußball ebenso wie für den leichtathletischen  Sprint oder eben Karate. Somit wären der ideale Schuss, der perfekte Beinhub oder  der optimale Zuki nur eine Kombination von Konzentration und Trainingsfrequenz. Soweit die Trainingstheorie.

Theorie und Anwendung der Bewegungswissenschaft

Seminarleiter Prof. Schöllhorn und Efthimios Karamitsos zeigten, dass der Erfolg von traditionellen Lernmethoden wie Einschleifen, Wiederholungsmethode oder der methodischen Übungsreihe begrenzt ist. Praktiziert wurden hierfür unterschiedliche Laufformen, die durch teilweise nur minimale Veränderungen der Anforderungen (beispielsweise Oberkörper aufrecht oder gebeugt, Beine relativ gestreckt oder stark gebeugt, ein Knie jeweils angezogen, Ballen- und Hackenlauf) zu sehr unterschiedlichen Laufergebnissen führten. Auch beim geraden Fauststoß Oi-Zuki sind von den Füßen bis in die Faust alle großen Gelenke in unterschiedlicher Stellung zueinander beteiligt. Veränderte Bewegungsebenen der Gelenke, die Dynamik der beteiligten Muskulatur sowie Schwerkraft und Trägheitskräfte führen zu einer Vielzahl von Kombinationsmöglichkeiten in der Bewegungsausführung.

Variation im Karate-Training

Den Teilnehmern wurde im Sportlabor anhand von Übungen auf im Boden eingelassenen Messplatten, die jede Berührung in drei Ebenen aufzeichnen und somit den Druck sowie die Seitwärts- und Vorwärtsbewegung messen, eindrucksvoll demonstriert, dass keine körperliche Bewegung vollständig kopierbar ist.

Was bedeutet dies nun für das Karatetraining? Zunächst einmal, dass es keine personenübergreifende Idealtechnik gibt. Die Technik des Meisters ist seine eigene Technik und jede Wiederholung ist ein neuer Bewegungsablauf. Leistung ist damit individuell und situativ. Die Vorstellung von der Bewegung bleibt konstant, der Körper des  Athleten dagegen passt sich jedes Mal neu an. Wir bewegen uns also eher in einem Zielbereich als linear auf einen Punkt der Idealtechnik zu.
 
Die Abweichungen  von der optimalen Zielvorstellung sind somit keine Fehler, sondern  willkommene Schwankungen oder Differenzen zur Idealtechnik. Jede Bewegungsausführung enthält nämlich neue Informationen. Das Training sollte die Anpassungsfähigkeit an das Neue, die Differenz fördern statt das gleichförmige Wiederholen derselben Bewegungen zu fordern.

Mehr Differenz wagen

Zentraler Bestandteil dieser Art des Lernens ist also das Lernen an den Differenzen mittels verschiedenster Übungen. Neben den Vorteilen für den Einzelnen ergibt sich als positiver Effekt beim Gruppentraining, dass die unterschiedlichen Teilnehmer in ihrer jeweils eigenen „Körpersprache“ angesprochen werden.

Efthimios Karamitsos setzte anschließend mit der Gruppe der Trainer differentielles Training mit unterschiedlichen Bewegungen wie Choku Zuki, Hikite oder Zenkutsu Dachi um. Durch vielfältige Variationen und Änderungen der bekannten Abläufe entstanden auch für sehr erfahrene Teilnehmer neue Bewegungsmuster. Über diese Erfahrungen hinaus sollten Trainer in ihren Trainingseinheiten eigenständig Übungen kreieren und durchführen, um den Zielbereich der jeweiligen Technik erfolgreicher zu bearbeiten.

Ein gut strukturiertes Seminar mit zwei hervorragenden Dozenten, die sich intensiv mit der Mechanik des menschlichen Körpers auseinandersetzen und ihre Kenntnisse und Ideen in leicht verständlicher Form und Umsetzung vermittelt haben."

Lutz Brodmeier
BGV-Karate Berlin