50 Jahre Shotokan: Erinnerungen an die Anfänge des Karates in Berlin

KanazawaDojo.jpgAlles begann mit einer persönlichen Erfahrung: Zur Jahreswende 1963/64 feierte Bernd Hartlieb mit einigen Freunden Silvester. Auf einem Spaziergang wünschte einer der Freunde (leicht weinselig) allen Leuten auf der Straße ein gutes Neues Jahr. Einer der „Bewünschten“ fand das gar nicht lustig und griff sich den Nächststehenden (das war Bernd) und schlug mit der Faust zu. Er fand sich am Boden wieder mit einer ganz dicken Lippe (zum Glück wareb alle Zähne heil geblieben …) und schwor sich: Das passiert dir nie wieder. So begann es für ihn mit Karate!

Und so ging es dann für Bernd weiter: Damals gab es noch nicht viel Kampfsportarten: Judo, Jiu-Jitsu, Boxen, Ringen. Aber ganz neu wurde eine Kampfart Karate bekannt, die angeblich unbesiegbar macht! In ganz Berlin gab es nur eine Sportschule, die diese Kampfsportart anbot: die heute noch existierende Sportschule „Nippon“ (damals Judo-Schule), die zu dieser Zeit vom Vater von Andreas Sparmann geleitet wurde. Eine schriftliche Anfrage reichte, und Herr (Johannes) Sparmann stand vor der Tür. Er bot einen Jahresvertrag an, mit 5,- DM Monatsbeitrag! Das überstieg mein damaliges Lehrlingsgehalt bei weitem. Somit landete ich erst einmal beim Judo: VfL-Tegel, Judo-Abteilung, Monatsbeitrag 50 Pfennige (!), mit dem Trainer Manfred Mühl, damaliger Deutscher Meister. Nach 1 ½ Jahren bestand ich die Prüfung zum Gelbgurt. Aber der Gedanke, Karate zu lernen, ließ mich nicht los.

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Zu diesem Zeitpunkt erfuhr ich (… googeln konnte man noch nicht …), dass es ein erstes Lehrbuch über Karate gab: „Karate, Das große Lehrbuch der modernen Selbstverteidigung“ von Jürgen Seydel (dem Gründer des DKB: Deutscher Karate Bund, Stilrichtung Shotokan), 3 Bände, 1961. Ich schrieb Jürgen Seydel an und fragte, ob es in Berlin ein Dojo geben würde. Er antwortete mir, dass sich ein Rainer Häsler um den Aufbau eines Dojos in Berlin bemüht.

Ich nahm Kontakt zu Rainer auf und wir trainierten (ca. Herbst 1965) zum ersten Mal Karate nach Jürgen Seydel in seiner Wohnung, die einen langen Korridor hatte.
Rainer hatte Kontakt zu einem Jugendheim (ein Nachkriegs-Barackenbau) in der Münsterschen Straße, in der Nähe des Fehrbelliner Platzes. Dort durften wir einmal in der Woche in einem Raum Tische, Stühle und Teppiche beiseite räumen und trainieren. Zu diesem Zeitpunkt waren wir ca. 5 bis 7 Interessierte, u.a. auch Bernd Jähn, ein weiteres Gründungsmitglied. Der DKB, bzw. Jürgen Seydel, nahm uns als „Dojo Berlin“ auf.

Zu diesem Zeitpunkt lernten wir Harry Schäfer kennen, einer der ersten Goju-Ryu Meister in Deutschland. Er hatte seine Ausbildung in Japan erhalten. Die Grundzüge des Karate lernten wir von ihm, auch wenn wir dem Shotokan-Stil treu blieben. Zu dieser Zeit kam auch Ulrich Scholtze aus Nürnberg zum Studium nach Berlin. Er hatte den 3. Kyu im Shotokan-Karate und war damit der „Stilhüter“ bei uns, auch wenn wir oft mit Harry Schäfer (u.a. in den Sandbergen von Heiligensee) trainierten.

In diese Zeit fällt auch ein Besuch von Georg Brückner, einem Kampfkunst-Pionier in Deutschland, mit einer Karate-Schule (Teakwondo) am Fehrbelliner Platz, bei unserem Training in der Münsterschen Straße. Er dachte wohl, wir seien ein Konkurrenzunternehmen. Nach dem er uns kennen gelernt hatte (… lachte er laut ab …) und wir gingen als Freunde auseinander. 

Im DKB-Rundschreiben „unter uns“ vom Dezember 1966 ist zu lesen, dass in Berlin die Meister Akio Nagai, 3. Dan und Bernd Götz, 2. Dan, damals Bundestrainer im DKB, ein Training leiteten. Ich kann mich erinnern, wir waren hell begeistert, zum ersten Mal authentisches Karate aus nächster Nähe!

Ab 1.Januar 1968 war Hirokazu Kanazawa neuer Bundestrainer im DKB. Am 24.11.1968 legte Rainer Häsler bei ihm die Prüfung zum 1. Dan ab und Uli Scholtze und ich zogen am 19.4.1969, zusammen mit dem damaligen DKB-Präsidenten, Rainer Hoffmann, nach. Damit hatte das „Dojo Berlin“ (im DKB) seine ersten Schwarzgürtel und wir bekamen auch einigen Zuwachs an Mitgliedern.

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In Deutschland, ähnlich wie in Japan, verbreitete sich das Karate an Universitäten. Somit knüpften auch wir vom DKB enge Kontakte zu den Berliner Universitäten, FU und TU. An der TU-Berlin startete Wilfried Roetzel mit dem Training. Dies wurde ihm 1971 vom damaligen Leiter des TU-Sportinstituts für Leibeserziehung, Dr. Ungerer, wie folgt bestätigt: „…Herr Dr. Roetzel war vom 14.10 1968 bis 30.4.1971 als Lehrkraft für Karate am Institut für Leibeserziehung…tätig…(und) führte Karate an der TU-Berlin ein…“ Noch heute gibt es ein Uni-Karate-Dojo Berlin e.V., dass seit nunmehr ca. 45 Jahren mit der TU-Berlin zusammen arbeitet. Das Institut für Leibeserziehung an der TU-Berlin gibt es nicht mehr. Die Folgeeinrichtung heißt: Zentraleinrichtung Hochschulsport.

In den 60ziger und 70ziger Jahren waren japanische Karatemeister die Einzigen, von denen man viel lernen konnte. Aus diesem Grunde bemühten wir uns, öfter japanische Meister nach Berlin zu einem Wochenendlehrgang einzuladen. Aber auch gute deutsche Meister, wie Alfred Heubeck, Wolfgang Schnur und Manfred Ruhnke. Einer dieser japanischen Meister war damals der Schweizer Bundestrainer Koichi Sugimura (heute, 2014, 8.Dan). Er vermittelte uns einen jungen japanischen Meister, damals 2. Dan und für unser Können unerreichbar, Yasuyuki Fujinaga. „Yassu“, wie wir ihn nannten, war von 1972 bis 1973 ein Jahr bei uns. Er wohnte bei einem Sportfreund und bekam von uns 500,- DM im Monat. Damals eine ordentliche Summe, die zum Leben reichte, aber auch nicht mehr. Yassu sprach am Anfang perfekt japanisch und einige Brocken Englisch. Deutsch lernte er dann von uns recht schnell. Er war kein ausgebildeter Trainer und machte am Anfang ein traditionelles japanisches Training (…100 Fauststöße zum Warmwerden…).

Hier eine kleine Episode aus seinem Leben bei unserem Sportfreund Hans-Ulrich:
„Einen original japanischen Trainer im Dojo zu haben war damals schon etwas ganz Besonderes und seine Arbeit brachte ein neues Niveau mit sich. Als Trainer war er verständnisvoll, aber erbarmungslos, wenn er sah dass noch mehr „drin“ war. Mehr Liegestütze, tieferer Stand, keine überflüssigen Bewegungen etc. Als etwas Besonderes wurde es empfunden, dass er auch mit den niederen Rängen Kumite übte. Er erlaubte sogar, dass Techniken durchkamen, was unglaublich zur Selbstbestätigung beitrug. Nur am Ende ließ er keinen Zweifel aufkommen, wer Herr im Ring war. Dann kam eine Technik, von der man sich später verwundert fragte, wo sie denn herkam und wie es kam, dass Yassu schon wieder auf Distanz stand.

Während seiner Zeit im Dojo 1972/73 wohnte er bei einem Sportkameraden. Er war sehr bescheiden und auf Grund seiner typisch japanischen Höflichkeit störte er das familiäre Leben nicht. Er kochte sich auch selber sein Essen, doch erreichte er auf diesem Gebiet nicht annähernd die Meisterschaft, die er im Karate hatte.

Wo kamen nun seine blitzschnellen Techniken her? Ein Aspekt dieser Frage löste sich, als die Familie morgens, aber nicht zu früh, in sein Zimmer kam. Dort durften sie beobachten, wie er – die Füße auf dem Bett, die Hände auf dem Boden – seine 150 Liegestütze machte. Statt danach erschöpft zusammenzusacken, bat er, man möge doch für die nächsten 50 kräftig auf seine Schultern drücken. Dabei kam für kurze Zeit die Frage auf, ob anomalerweise sein Schlüsselbein am Trapezius läge, denn diese Stelle war extrem hart. Auf eine erstaunte Frage zeigte sich dann, dass alles nur Muskeln waren. Fazit: spirtuelle Einstellung im Karate: ja, Techniken: ja, aber ohne solide Kraft geht es auch nicht. Von da an war klar, dass ein Bürojob im Alltag mit voller Meisterschaft im Karate nur höchst selten zu vereinen ist.“

Wie gesagt, er war kein ausgebildeter Trainer aber er war ein begnadetes Bewegungsvorbild. Nun lernten wir authentisches Karate und nach seiner Trainertätigkeit bestanden ca. 10 Mitglieder beim neuen Bundestrainer im DKB  und Nachfolger von Kanazawa, Hideo Ochi, die Dan.-Prüfung, u.a. auch Dieter Korschelt, noch heute aktiv im BKV.

In den Jahren danach entwickelte sich langsam eine „Shotokan-Szene“ in Berlin. Aus dem „Ur-Dojo: Berlin I“ gingen nacheinander mehrere Dojos hervor. 1974 wurde beim Amtsgericht Charlottenburg der „Karate-Landesverband Berlin“ (im DKB) als eingetragener Verein (e.V.) angemeldet (gelöscht 1992). Mit der Gründung des Deutschen Karate Verband e.V.-DKV-  (als Dachverband im DOSB) durch die Stilrichtungen Shotokan Wado-Ryu, Shito-Ryu und Gojo-Ryu, schlossen sich auch die Berliner DKB-Dojos, der bis dahin getrennten Verbände, u.a. DKB und DKU, zum „Berliner Karateverband im DKV“ zusammen. Die Stilrichtung Shotokan ist auch heute noch die größte im Berliner Landesverband.

Erinnerungen von: Bernd Hartlieb, Bernd Jähn, Hans-Ulrich Mittmann, Dieter Korschelt, Rainer Häsler, Wilfried Roetzel, …) Stand: April 2014.
Bilder:
Bild Kanazawa (1969): vordere Reihe, v.l.n.r.: Rainer Hoffmann (ehem. Präsident des DKB), Ulrich Scholtze,  ??? , Kanazawa, Rainer Häsler, Wolfgang Bielenberg, Wilfried Roetzel, ???; hintere Reihe: Bernd Hartlieb, Bernd Jähn, Detlef Knebel, Dieter Korschelt,  ??? , ??? (verdeckt), ???
 
Bild Sugimura (19??): sitzend: Tassilo von Bonin, Bernd Hartlieb, Sugimura, Dieter Korschelt, Michael Wenzel; kniend: Dieter Konrad, Rolf Tacht, Alexander Haase, Wolfgang le Blond, Andreas Wasner, Rainer Winkelmann; stehend: ??? , ??? , Harnich(?), ??? , ???
 
- Bild Ochi (19??): sitzend, kniend: ??? , Detlef Knebel, Marcel Seyppel, Dieter Korschelt, Ochi, Wolfgang le Blond, ??? , Rolf Tacht, Hartmuth Wohlfahrt, Hagen Hartmann; stehend: Tassilo von Bonin, Bernd Hartlieb, Werner Kühne, Siegmar Dudda, Wolfgang Bielenberg, Walter Türk, Lutz Marlinghaus, ???, Andreas Wasner, ???, ???, Rainer Häsler.