Geschichte des Shotokan-Karate

Text: Kurzfassung, mit Genehmigung des Autors aus: „Shotokan Karate. Technik, Training, Prüfung“ von Joachim Grupp, Meyer & Meyer Verlag 2002

 

Die Ursprünge des Shotokan Karate in Okinawa-Te

Okinawa, das als das Ursprungsland des Karate gilt, liegt als größte Insel der Ryu-Kyu Inseln ca. 500 Kilometer vom japanischen Kyushu entfernt, und ungefähr 800 Kilometer vor Foochow, dem chinesischen Festland.

Die Insel, deren Bewohner hauptsächlich von Fischfang und Landwirtschaft, aber auch vom Handel mit den Nachbarländern lebten, war bis zum 15. Jahrhundert in drei Königreiche aufgeteilt. Diese Provinzen, Chuzan, Nanzan und Hokuzan, bekriegten sich heftig untereinander. Bereits vor der Vereinigung der drei Regionen, 1429 unter dem König von Chuzan, Sho Hashi, nahm die Insel aufgrund ihrer besonderen geografischen Lage einen hohen Stellenwert als Zentrum für den florierenden Handel mit den Nachbarländern China, Korea, Taiwan und Japan ein. Der damit verbundene Import kultureller und politischer Einflüsse trug auch zur Verbreitung regionaler Kampfkünste anderer asiatischer Länder in bestimmten Gebieten Okinawas bei.

Dieser Einfluss beschränkte sich zwar auf die wirtschaftlichen Zentren Shuri, Naha und Tomari, verhalf den unterschiedlichsten Kampfkünsten jedoch zu einem enormen Aufschwung. Zu nennen sind hier die Kenntnis im Umgang mit Waffen, die durch japanische Flüchtlinge schon im 10. Jahrhundert nach Okinawa kam, wie der Umgang mit Pfeil und Bogen oder derjenige mit Schwertern (Katana und Tachi) sowie die Vielzahl von harten und weichen Stilen der chinesischen Kunst Chuan-Fa, das als Vorläufer des heutigen Kung-Fu gilt.

Ein direkter chinesischer Einfluss ergab sich durch eine Ansiedelung von 36 chinesischen Familien in der Nähe von Naha, die hier im Jahre 1392 eine kleine Siedlung mit Namen Kumemura gegründet hatten und von dort aus die Einwohner der Insel erstmals mit dem Zen-Buddhismus vertraut machten, indem sie ihre Religion und Philosophie lehrten. Es ist wahrscheinlich, dass sie die Entwicklung des Te in der Gegend von Naha beeinflussten. Das dort verbreitete Naha-Te (später Shorei-Ryu, Ryu=die Bezeichnung für Schule) gilt als inspiriert von der Tradition des Chuan-Fa. Es enthält dynamische Bewegungen und legt großen Wert auf die Atmung und schnelle Kraftentwicklung der Techniken. Andere Zentren des Te waren Tomari und Shuri (die hier entwickelten Stile wurden später auch Shorin-Ryu genannt). Chinesischer Einfluss zeigt sich hier an den atembetonten Techniken und runden Abwehrbewegungen des Shuri-Te. Tomari-Te enthielt beide Elemente und betonte flexible, schnelle Bewegungen.

Die einheimischen Techniken des Te unterteilt der amerikanische Autor Randall HASSELL, der eines der wohl fundiertesten Bücher über die Geschichte des Shotokan Karate geschrieben hat, in zwei unterschiedliche Kampfsysteme: Ein von der bäuerlichen Bevölkerung bevorzugter Stil mit tiefen Ständen, um sich aus der tiefen Stellung heraus mit Armen und Beinen zu verteidigen und ein kraftvoller Stil mit zahlreichen starken Armbewegungen, der auf die Tradition der Fischer zurückzuführen ist.

Der starke japanische Einfluss seit der Besetzung der Insel durch den Clan von Ieshisa Shimazu im Jahre 1609, auch als Herrschaft der Satsuma-Dynastie bezeichnet, hatte zu beträchtlichen Repressionen gegenüber der Bevölkerung geführt: selbst zeremoniell eingesetzte Schwerter und die Bewaffnung der Staatsbediensteten wurden untersagt. Die Bevölkerung stand buchstäblich mit "leeren Händen" da.


Die Meister der verschiedenen Systeme konnten ihr Wissen aufgrund des Verbotes durch die Besatzungsmächte nur im Geheimen weitergeben, was die Entwicklung eines einheitlichen  "Okinawa-Stils" abermals verhinderte. Diesen Meistern wurde von der Bevölkerung großer Respekt entgegengebracht. Manche gaben die Techniken als verschlüsselte Bewegungsabläufe weiter, die als Kata bezeichnet wurden. Die heute gebräuchliche Übersetzung des Begriffs Kata als "Form" gibt nur unzureichend wieder, dass das ständige Üben dieser Abläufe bis zur Perfektion zwar auch der Verbesserung von Technik und Körperbeherrschung diente, im Ernstfall gegen bewaffnete Angreifer aber über Leben und Tod entscheiden konnte. Um die Wirkung ihrer Techniken zu verbessern, nutzten die Einwohner Okinawas verschiedene Hilfsmittel. Das Bekannteste ist das Makiwara, ein Schlagpolster, das an einem Holzpfosten befestigt wird. Notwendig zur Beherrschung des Te war die völlige Identifikation mit den praktizierten Techniken sowie die absolute Konzentration darauf, einen Aggressor mit dem ersten Schlag außer Gefecht zu setzen, denn man hatte es oft mit schwer bewaffneten Samurai zu tun, die versuchten, ihre Kriegskassen auf Kosten der Landbevölkerung aufzufüllen.

Das Ende der Satsuma-Herrschaft im Jahre 1872 und die Reformen der Meiji-Regierung in Japan ab 1868 bewirkten eine Liberalisierung der gesamten japanischen Gesellschaft und brachten etliche Prinzipien der feudalistischen Klassengesellschaft zu Fall. Moderne Verkehrsmittel, der aufkommende weltweite Handel und damit verbunden der Kontakt mit anderen Kontinenten und deren Kulturen bewirkten eine Öffnung der japanischen Gesellschaft der restlichen Welt und ihren Werten gegenüber.

Ende des 19. Jahrhunderts konnte man nicht von einem einheitlichen Stil der Kampfkunst Te in Okinawa sprechen. Wie bereits beschrieben, entwickelte sich in Verlauf der Jahrhunderte eine große Vielzahl von Schulen und Stilrichtungen, von denen Naha-Te, Shuri-Te und Tomari-Te nur die bekanntesten waren. Im heutigen Sinne fällt es schwer, einige dieser Te-Formen überhaupt als Stilrichtungen zu bezeichnen, bestand das Repertoire ihrer Meister doch teilweise nur aus einer einzigen oder aus sehr wenigen Techniken. Von einem Meister wird berichtet, dass er sein ganzes Leben lang nur Stöße mit den Ellenbogen übte. Manchmal waren die Bauern oder Fischer, die diese Schläge oder Tritte praktizierten, sehr bekannt für diese eine Technik, die sie ihr ganzes Leben lang immer geübt hatten und die sie mit großer Perfektion und Effizienz beherrschten. Andere Meister hatten dagegen begonnen, komplette Systeme zu entwickeln. Die Popularität des (Kara-) Te wurde größer. Der für die Schulausbildung der Präfektur Kagoshima verantwortliche Beamte Shintaro Ogawa berief den Meister Anko Itosu zum Instruktor für die Ausbildung an den Grundschulen. Ihn hatte die Vorführung eines jungen Mannes beeindruckt, dessen Gruppe von Schülern eine außerordentlich gute körperliche Verfassung aufwies: Gichin Funakoshi war sein Name. 1902 war (Kara-) Te Schulsport auf Okinawa geworden.


Das moderne Karate entsteht

Bestand die ursprüngliche Bedeutung des Te immer im Zweck der physischen Vernichtung des oft bewaffneten Gegners, markierte die Entwicklung zum Schulsport eine Wende. Nicht nur durch den Übergang von der nur Auserwählten zugänglichen, heimlich betriebenen Kunst zum offiziellen Teil des Schulunterrichts, sondern auch durch die Entwicklung eines tödlichen Kampfsystems zur Sportart, deren Zweck die charakterliche und körperliche Schulung ist.

Dieser neue Aspekt des Karate, dessen Training nun mit der Verbesserung von Kondition und Einstellung der Schüler begründet wurde, reicht also bis auf die Zeit des Okinawa-Te um 1900 zurück. Die Bezeichnung "Kara-te" wurde ebenfalls in dieser Zeit erstmals benutzt. "Tang" ist die Bezeichnung für China und "Kara" die japanische Übersetzung dafür. Die Bezeichnung "chinesische Hand" entsprach der Hochachtung, die China auf Okinawa genoss. 1904 wurde die Schreibweise für Karate das erste Mal in einem Buch über Karate verändert. Der Autor hieß Chomo HANAGI und er reflektierte damit den zunehmenden japanischen Nationalismus und die wachsende Ablehnung gegenüber allen chinesischen Einflüsse auf Okinawa und in Japan. 1922 änderte FUNAKOSHI den Namen definitiv in Karate, wobei er das japanische Schriftzeichen für "Kara" (= leer) statt des Zeichens "Kara" für chinesisch benutzte. Damit war die Bedeutung "Karate"="Leere Hand" fortan geläufig für das neu systematisierte Karate. Gichin Funakoshi - der Vater des Shotokan Karate
 
Die große Popularität des heutigen Karate in Japan wäre nicht denkbar ohne die
von Gichin FUNAKOSHI. Er wurde 1868 in Shuri als Sohn eines Beamten geboren. FUNAKOSHI genoss schon sehr früh eine Ausbildung in chinesischer Sprache und kam durch einen Schulfreund  im Alter von elf Jahren mit Karate in Kontakt. Dessen Vater war Yatsutsune AZATO, einer der angesehensten Meister des Shuri-Te. FUNAKOSHI, der Begründer des modernen Karate schlechthin und des Shotokan-Stils im Speziellen, entwickelte sich zu einem der besten Schüler des Meisters AZATO, später auch des Meisters ITOSU. Er wurde Lehrer und verfügte neben seinen herausragenden Fähigkeiten in der Perfektionierung der Techniken des Te auch über ein außergewöhnliches künstlerisches und sprachliches Talent.


Im Unterschied zu den anderen Meistern, die Karate teilweise immer noch geheim praktizieren wollten, hatte er den missionarischen Drang, seine Kunst einer breiten Öffentlichkeit vorzuführen und das Bestreben, Karate zu systematisieren und neu zu strukturieren. Seine Vorführungen, die er mit einigen anderen Experten des Karate auf ganz Okinawa durchführte, waren so populär, dass das Erziehungsministerium FUNAKOSHI 1917 bat, mit seinen Assistenten eine Vorführung in Kyoto in Japan zu geben. Dies war die erste Vorführung des Karate außerhalb Okinawas.


1921, als der japanische Kronprinz bei einem Besuch auf Okinawa eine Demonstration FUNAKOSHIs sah, war er so beeindruckt, dass er ihn einlud, weitere Vorführungen in Japan abzuhalten. FUNAKOSHI, der vom Erziehungsministerium gebeten wurde, der offiziellen Nachfrage des Kronprinzen nachzukommen, war zu jener Zeit Vorsitzender des Okinawa Shobukai, einer Gesellschaft zur Verbreitung der Kampfkünste Okinawas. In dieser Funktion stellte er zum ersten Mal sein außergewöhnliches Gespür für eine wirksame "Öffentlichkeitsarbeit"  unter Beweis. Er folgte der Einladung und reiste nach Japan. Jetzt begann der Siegeszug der Kampfsportart Karate.


FUNAKOSHI, der zunehmend philosophische Prinzipien in sein System integrierte und Karate als Schule zur Vervollkommnung des Charakters, zur Einheit von Körper und Geist ansah, hatte bereits das Zeichen für Karate in eines geändert, das seinen philosophischen Überzeugungen bzw. der Philosphie des Zen nahe kam. Dem Begriff "leere Hand" wurde das Zen-Prinzip des "Loslassens von irdischen Dingen" zugrunde gelegt. Der Geist soll befreit werden von weltlichen Gedanken, die ihn an der Entfaltung und der Einheit von Körper und Geist hindern könnten.


FUNAKOSHI verband also die für ihn nahe liegenden Grundsätze des Zen mit der Kunst des Kämpfens. Die Änderung des Namens und seine methodische Strukturierung des Karate in seinem 1922 erschienenen Buch "Ryukyu Kempo: Karate" machten ihn noch bekannter. Dieses Buch wurde von dem berühmten Künstler Hoan KOSUGI gestaltet, der später das Zeichen des Shotokan (Tiger im Kreis) kreierte. Es enthielt bereits eine Systematik, die wegweisend für die späteren Lehrbücher der JKA ("Japan Karate Association") war.


Die Popularität FUNAKOSHIs war jedoch unerreicht, da der hochgebildete Meister fließend Japanisch sprechen und schreiben konnte, was unter den anderen Karate-Lehrern aus Okinawa nicht üblich war. Auch als Kalligraph seiner eigenen Gedichte, die er unter seinem Künstlernamen "SHOTO" veröffentlichte, stieg sein Bekanntheitsgrad. Weitere Vorführungen folgten, unter anderem im japanischen Palast vor Mitgliedern der Kaiserfamilie. FUNAKOSHI, der täglich in Schulen und Universitäten unterrichtete, war der Inbegriff für die neue japanische Budo-Disziplin Karate geworden. Der Meister der neuen "japanischen" Kampfkunst war so populär, dass er sein System auch bei den Meistern anderer Budo-Disziplinen unterrichtete. So z.B. beim Gründer des modernen Iaido und bei Jigonoro KANO, dem Begründer des Judo. Ihm zeigte er die Kata Kanku-Dai und Tekki in der Hochburg des Judo, dem Kodokan.


Die Erste der Universitäten, an der er unterrichtete, war die Keio Universität und bald folgten andere nach, die sein System aufgriffen, wie Tokyo, Hosei, Nihon, Shodai. Die bekannteste sollte später die Takushoku Universität ("Takudai") werden. Diese starke Verankerung seines Karatesystems in den Universitäten legte den Grundstein für die spätere weltweite Verbreitung des Shotokan.
 

Shotokan Karate verbreitet sich weltweit
 

Zwischen 1930 und 1935 entwickelte FUNAKOSHI die heute noch gebräuchlichen Kumite-Formen: Gohon Kumite, Kihon Ippon Kumite, Jiyu Ippon Kumite und Jiyu Kumite. Mit den partnerorientierten Übungen hatte er ein effektives Instrument gefunden, um den Aspekt der Selbstverteidigung stärker zu betonen. Das Üben der Kata diente nun mehr dem Zweck, Flexibilität, Schnelligkeit und Kraft zu trainieren. Zunehmend berücksichtigte man auch eine ästhetische Dimension in der Kata-Praxis. Bis dahin hatte das Karate-Training unter FUNAKOSHI wie auch in den Schulen anderer Stilrichtungen fast ausschließlich aus dem endlosen Wiederholen der Kata und dem intensiven Training am Makiwara bestanden.


Um das Kumite zu entwickeln, wurden zunächst aus den Kata einzelne Passagen entnommen und als Angriff-Abwehrsituationen geübt. Laut Masatoshi NAKAYAMA, der ab 1932 bei FUNAKOSHI trainierte, stand das Training trotz der neuen Einteilung in die drei Disziplinen Kihon, Kata und Kumite (Grundtechniken, Partnerübungen, Formen) nach wie vor im Zeichen der Philosophie des Ikken Hissatsu, der Kunst, den Gegner mit einem Schlag zu stoppen oder zu töten. Jede Technik wurde mit voller Konsequenz und mit Wiederholungen bis zur totalen Erschöpfung trainiert. Die Idee des Ippon entstammt der traditionellen Auffassung von der einen  definitiven Aktion, mit der ein Kampf beendet werden kann. Vom heutigen Trainingsalltag ist die unvorstellbare Intensität und Härte des damaligen Trainings unter FUNAKOSHI meist weit entfernt.


Das weltweit erste selbstständige Karatedojo wurde von FUNAKOSHI am 29. Januar 1939 eingeweiht. Seine einflussreichen Schüler aus ganz Japan hatten die finanziellen Mittel aufgebracht, um dem inzwischen 71 Jahre alten Meister diese Ehre zu erweisen. Über dem Eingang hatten sie die Inschrift "Shotokan" angebracht ("Die Halle des Shoto"), eine Bezeichnung, die von seinen Schülern fortan für die Stilrichtung FUNAKOSHIs verwendet wurde. Neben Gishin FUNAKOSHI lehrte damals auch sein 1945 verstorbener Sohn Yoshitaka "Giko" FUNAKOSHI im Privathaus des Meisters, an den Universitäten und später im Zentraldojo. Auf ihn sind einige Änderungen der Katas und Grundstellungen zurückzuführen, die er mit Autorisierung seines Vaters durchsetzte. Er entwickelte zum Beispiel die Kata Sochin aus alten, lediglich rudimentär überlieferten Vorgaben. Allmählich war der vielseitige Grundstock für ein neues, ganzheitliches Kampfsystem geschaffen. Einen weiteren wichtigen Schritt zur Japanisierung seines Stils vollzog Gichin FUNAKOSHI nochmals in seinem Buch "Karate-Do Kyohan", das 1936 erschien. Hier veränderte er die Namen der Kata und versah sie mit japanischen Bezeichnungen.


Einige der über 70 Karatestile wurden damals von Schülern gegründet, deren Karatekenntnisse gering waren, da sie erst wenige Jahre trainiert hatten. Dies brachte für die Öffentlichkeit eine zunehmende Unübersichtlichkeit mit sich. Organisatorische Strukturen aufzubauen und den hohen Ausbildungsstandard seiner Schüler auch nachvollziehbar zu machen, stellten FUNAKOSHI und viele seiner inzwischen auch zu Lehrern gereiften Anhänger vor eine neue Herausforderung. Bereits 1936 war die "All Japan Collegiate Karate Union" entstanden, eine erste Zusammenfassung der Universitätsdojos, vornehmlich in der Tradition FUNAKOSHIs.

Bis es zur Gründung der "Japan Karate Association" JKA im Jahre 1949 kam, versetzten der zweite Weltkrieg und die amerikanische Besetzung Japans der Weiterentwicklung des Shotokan Karate eine Zwangspause. Nach dem Ende des Krieges waren alle Budodisziplinen von den Amerikanern verboten worden. Die Gründung der JKA als Verband für die Shotokan Karateka in Japan brachte 1949 eine Vereinigung aller Dojos, Universitätsklubs und Karategruppen, die FUNAKOSHIs Stil praktizierten. Zum Chefinstruktor wurde FUNAKOSHI ernannt.

Nach dem Krieg waren mehrere Faktoren ausschlaggebend für die enorme weltweite Verbreitung des Shotokan und seine endgültige Entwicklung zu einem umfassenden Kampfsystem.

Als Erstes ist das große Interesse zu nennen, das die US-amerikanischen Soldaten im besetzten Japan der Kampfkunst Karate entgegenbrachten. Das korrespondierte mit FUNAKOSHIs Mission, Karate weltweit zu etablieren. Im Alter von 83 Jahren reiste er mit seinen besten Schülern NAKAYAMA, OBATA und NISHIJAMA auf zahlreiche Luftwaffenstützpunkte der S.A.C. (Strategic Air Command), um mit diesem Team Karate vorzuführen. Die Popularität von Karate stieg weltweit, die zurückkehrenden Soldaten gründeten ihre eigenen Dojos und holten später die japanischen JKA-Instruktoren in die USA.

Diesem Bedarf an geschulten Lehrern kam die zweite Entwicklung entgegen. Unter FUNAKOSHIs Obhut entstand die mehrjährige Instruktorenausbildung für die besten JKA-Karateka an der Takushoku Universität. Das Programm für die Instruktoren wurde von NAKAYAMA, OKAZAKI und NISHIJAMA entwickelt. Alle drei waren auch in Führungspositionen der JKA vertreten. Die Entwicklung eines der strengsten und härtesten Ausbildungsprogramme schaffte zwischen 1957 und 1970 die Voraussetzungen für die Entsendung von über 30 der bestausgebildetsten Karatelehrer in die ganze Welt. Diese brillianten Techniker und Kämpfer verbreiteten das Shotokan Karate, wie wir es heute kennen, international. Karatemeister wie KANAZAWA, ENOEDA, KASE, SHIRAI, NAITO, OKAZAKI, OCHI, SUGIMURA und viele weitere sind heute für die meisten europäischen, asiatischen und amerikanischen Karatelehrer immer noch ein unübertroffener Maßstab für die Qualität und den hohen Standard des Shotokan.

Die Weiterentwicklung des Shotokan durch M. Nakayama
 
Die Basis für diesen hohen Standard schuf die JKA noch unter FUNAKOSHI durch die wissenschaftliche Begründung der Karatetechniken und die Einführung von Wettkämpfen. Der Mann, den FUNAKOSHI damit betraute, war wiederum Masatoshi NAKAYAMA. Er trat nach  FUNAKOSHIs Tod im Jahr 1957 sein Erbe an und wurde zum höchsten Funktionsträger der JKA ernannt. NAKAYAMA, der nach seinem Studium lange Zeit in China gelebt hatte und von dort neue Techniken, wie z.B. den Ura-Mawashi-Geri mitgebracht hatte, genoß FUNAKOSHIs vollstes Vertrauen. Dieser hatte immer schon auch die weniger bekannten Stilarten studiert, um das Wesentliche in sein System einzubauen wie etwa die ursprüngliche Goju Kata Hangetsu. NAKAYAMA hatte bereits in den 30er Jahren den Auftrag erhalten, die von Meister MABUNI gelehrten Kata Gojushiho und Nijushiho zu lernen und dem Shotokan Stil anzupassen. Gemeinsam mit FUNAKOSHI setzte er also die Entwicklung des Systems zu einer ganzheitlichen Kampfkunst fort, die bald alle Facetten beinhaltete. Sowohl die leichten und schnellen Elemente des Shorin-Ryu wie auch die starken und atembetonten des Shorei-Ryu sind im Shotokan in ausreichendem Maße enthalten.

Die Notwendigkeit der wissenschaftlichen Untermauerung des Shotokan Karate erkannten FUNAKOSHI und NAKAYAMA dann 1953, als sie die ersten US-Soldaten unterrichteten. NAKAYAMA berichtete über die ungewöhnlichen Fragen der "Gaijin" nach dem "Warum", "Wie" und "Wieso" sie dies und jenes im Training machen sollten. Der japanische Trainingsalltag kannte solche Fragen nicht, stand hier das Üben "bis es klappt" im Vordergrund, nicht die Frage nach dem "Warum". Die auf den Traditionen FUNAKOSHIs beruhenden Buchveröffentlichungen der Instruktoren, die jetzt entstanden, insbesondere die Werke NAKAYAMAs, bildeten die Grundlagen, mit denen die Techniken des Stils medizinisch, anatomisch, physiologisch und psychologisch begründet wurden.

Gleichzeitig sollte der Wettkampf, wie in anderen Budodisziplinen auch, als publikumswirksamer Effekt für die weitere Akzeptanz des Karate eingeführt werden. Alle bedeutenden Karate-Stilrichtungen hatten bis 1950 das freie Kämpfen eingeführt. Die Schwierigkeit bestand jetzt darin, Regeln aufzustellen, wie sie im Judo, Kendo und anderen Disziplinen auch existierten. Die Idee, Wettkämpfe im Budosport durchzuführen, ist weder ein Spezifikum des Karate noch wurde sie erst durch die JKA erfunden. Judo, Kendo und andere Disziplinen waren in diesem Punkt dem Karate bereits weit voraus. Denn die Notwendigkeit, mit seiner Kunst im Ernstfall jemanden zu töten, um selbst zu überleben, wie das noch in der Zeit vor der Meijin-Restauration im 19. Jahrhundert häufig der Fall war, bestand nicht mehr.

Die JKA hatte nach einer längeren Findungsphase 1956 ein erstes Regelwerk zusammengestellt und führte 1957 die ersten Alljapanischen Meisterschaften durch. Die Schwierigkeit bei der Aufstellung von Wettkampfregeln bestand darin, die Vielzahl von gefährlichen Techniken, deren Kontrolle kaum oder gar nicht möglich ist, auszusortieren und Schutzausrüstungen sowie Wertungskriterien zu testen. Schutzausrüstungen wurden verworfen, weil sie die Bewegungsfreiheit einengen. Parallel zum Kumitewettkampf stellten die JKA-Verantwortlichen Regeln für den Vergleich in der Katadisziplin auf. Und noch einmal: Die Idee des Wettkampfsystems folgt der Tradition FUNAKOSHIs, der daran interessiert war, seine Kampfkunst einem möglichst breiten Publikum zugänglich zu machen.

Bereits lange bevor sich die Instruktoren der JKA im Auftrag FUNAKOSHIs Gedanken über ein Regelwerk machten, das einerseits den Grundsätzen des Karate entsprach, andererseits aber die Unversehrtheit des Gegners zum wesentlichen Ziel erhob, existierten "Vergleichskämpfe" zwischen einigen Schulen des Te. NAKAYAMA berichtet in seiner auch als Buch veröffentlichten, biografischen Interviewserie mit dem amerikanischen Autor HASSELL davon, dass diese immer in blutigen Auseinandersetzungen endeten und einige Karateka mit schweren Verletzungen aus diesen "Vergleichen" hervorgingen. Im Nachkriegsjapan, dessen Bevölkerung genug von kriegerischen Auseinandersetzungen hatte, war es nun wichtig, ein sinnvolles und ausbaufähiges Regelwerk zu installieren, das sowohl den Anforderungen an die Tradition als auch an die maximale sportliche Herausforderung gerecht wurde. Insofern stellte gerade für den Vater des modernen Karate der sportliche Vergleich den letzten Baustein seines Systems dar.

Wichtig ist jedoch, dass FUNAKOSHI, wie auch sein Nachfolger NAKAYAMA, immer auf die Priorität von Grundschule und Kata hinwies und vor einer allein auf den Wettkampferfolg abzielenden Karateauffassung warnte. Aus heutiger Sicht kann dies bestätigt werden. Die Wettkampfzeit von ca. 10-15 Jahren ist die kürzeste Phase im Leben eines Karateka, der diese Kampfkunst als lebensbegleitenden Sport gewählt hat. Aber sie ist eine wichtige Erfahrung, die eine kleine Anzahl von heute schätzungsweise 5-10% aller Karateka sehr nahe an die Situation des Ernstfalls heranführt. Das ist eine Grenzerfahrung, die zur Vervollkomnung des Charakters beitragen kann und sicherlich einen wesentlichen Beitrag zur Verbesserung der Fähigkeit leistet, sich in einer Selbstverteidigungssituation gelassener und konsequenter zu verhalten. Die Legende hält sich bis heute hartnäckig, FUNAKOSHI habe sowohl die Versportlichung als auch die JKA als Organisation abgelehnt, die den Sport als einen Teil des Karate förderte. Der Reformer des modernen Karate wusste, dass dieser Aspekt notwendig war, um Karate in Japan zur gleichberechtigten Kunst neben den anderen Budodisziplinen zu machen.

FUNAKOSHI konnte die letzte Facette seiner ganzheitlichen Kampfkunst allerdings nicht mehr miterleben. Im Jahr des ersten Karatewettkampfes verstarb der Meister, der nach Berichten von Teruyuki OKAZAKI bis wenige Tage vor seinem Tod noch täglich im Zentraldojo der JKA unterrichtet hatte. Die einzige, jemals von ihm autorisierte Organisation, die JKA, setzte FUNAKOSHIs Mission, die Verbreitung seiner Kampfkunst, mit großem Erfolg unter der Leitung von Masatoshi NAKAYAMA fort.

Shotokan Karate heute
 
Die Lehrmeinung der JKA bleibt bis heute für die Mehrzahl der weltweit auf etwa vier Millionen geschätzten Karateka der Stilrichtung Shotokan verbindlich. Trotzdem hat die JKA als Organisation viel von ihrem Glanz und ihrer Bedeutung verloren, die sie unzweifelhaft bis zu NAKAYAMAs Tod 1987 hatte. Dennoch bleiben ihre technischen Vorgaben weltweit das Vorbild für den Shotokan-Stil. Auch das Prüfungsprogramm des DKV für Shotokan Karate bezieht sich ausdrücklich auf den hohen technischen Standard, den der charismatische Schüler von FUNAKOSHI mit seinem Lebenswerk gesetzt hat. "Die Ausführungen der Techniken richtet sich grundsätzlich nach dem Buch KARATE-DO von M. NAKAYAMA" steht dort und orientiert sich damit an den Qualitätsmaßstäben des bis heute fortgeschrittensten Shotokan-Meisters.


Shotokan Karate in Deutschland

Karate wurde in Deutschland in den späten 50er Jahren eingeführt. Heute gehört das traditionelle japanische Karate zu den etablierten Sportarten und ist nach Judo die in Deutschland mitgliederstärkste Kampfsportart. Allein im Deutschen Karate Verband (DKV), dem einzigen vom Deutschen Sportbund anerkannten Karate-Dachverband, betreiben etwa 100.000 Sportler in Vereinen organisiert Karate.

Innerhalb des japanischen Karate-Do gibt es mehrere Stilrichtungen, die sich teilweise stark voneinander unterscheiden und jeweils eigene Techniken, Katas und Prüfungsordnungen kennen. Die verbreitetste Stilrichtung sowohl weltweit als auch in Deutschland ist das Shotokan Karate. Innerhalb des Deutschen Karate Verbandes betreiben etwa 70.000 Mitglieder diese Stilrichtung.

Karate wird in drei Bereiche unterteilt, Kihon (Grundtechniken), Kumite (Partnerübungen) und Kata (Formen). Der strukturelle Aufbau dieser Sportart unterliegt traditionell einer festgelegten Hierarchie, die in einem ausgeklügelten Prüfungssystem zum Ausdruck kommt.

Um die entsprechenden Gürtelfarben zu erlangen, ist bei Prüfungen ein festgelegtes komplexes Repertoire an Techniken und Kombinationen zu zeigen, das sich vom Anfängergrad (9. Kyu), Weißgurt, bis zum ersten Meistergrad (1. Dan), Schwarzgurt, im Schwierigkeitsgrad steigert. Aus diesem Grund wird im Karatetraining viel Zeit damit verbracht, das Prüfungsprogramm als Modulsystem zu üben und auch nach bestandenen Prüfungen die einzelnen Sequenzen zu wiederholen.